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Sankt Andreasberg im Harz

 

von Richard Metzdorf

 

Auszug aus der Zeitschrift „Vom Fels zum Meer"

um 1886

 

In St. Andreasberg im Harz findet man die häufig beobachtete und doch immer wieder überraschende Tatsche, wie gewisse Industrien an bestimmten und oft begrenzten Orten eine solche Höhe der Entwicklung erreichen können, dass sie damit einen Weltruf begründen.

So gibt es wohl keinen Platz auf der Erde, wo auf so kleinem Raume so viele und so verschiedene Kanarienvögel gezüchtet werden, als in St. Andreasberg. Dieser liebliche Sänger, dessen züchterische Entwicklung sich unwiderruflich an das Harzer Bergstädtchen knüpft, sei der anspruchslose Gegenstand einer Besprechung.

In den reichen Beziehungen, welche sich zwischen dem Menschen und der Tierwelt entwickelt haben, nimmt der Kanarienvogel eine der anmutigsten Stellen ein. Er ist eine junge Eroberung der Kultur; wir besitzen ihn erst seit 400 Jahren, aber bald wurde er der beliebteste und verbreitetste aller Stubenvögel.

Seine Heimat findet er auf jener Inselgruppe des Atlantischen Ozeans, welche wir die Kanarischen Inseln nennen und nach denen er den Namen erhalten hat. Besonders der westliche, gebirgige Teil derselben beherbergt ihn in größerer Menge, da er baumreiche Gegenden, die auf dieser Seite reichlicher vorhanden, bevorzugt. Niemals traf man ihn auf dem Festlande, dagegen soll er vereinzelt auf Madeira und in den Azoren vorkommen, was schon Linne wusste.

Als 1478 durch Heinrich den Seefahrer die Kanarischen Inseln für Spanien erobert wurden, fanden sie daselbst neben anderer reicher Beute einen Finken von außerordentlicher Zierlichkeit, mit lebhaften, graziösen Bewegungen, der sich durch einen sehr angenehmen und fleißigen Gesang auszeichnete. Er war in großer Menge vorhanden und ließ sich leicht fangen. Daher wurde er bald nach Spanien ausgeführt und dort in der Gefangenschaft weiter gezüchtet. Solches Zuchtmaterial ging nach den Kanarischen Inseln zurück, da die gefangenen an den Käfig gewöhnt und ausdauernder als die Wildlinge waren, welche von nun an nur noch vereinzelt, allerdings bis an den Anfang des 17. Jahrhunderts, ausgeführt wurden.

Der erste Schriftsteller, welcher den Kanarienvogel erwähnt, ist Geßner, 1555; er nennt ihn Canariam aviculam, auch Zuckervögelchen übersetzt, und rühmte seinen gar lieblichen Gesang.

Später schreibt 1599 – 1609 Aldrovandi über ihn und ausführlicher schon Olina in einem 1622 zu Rom herausgegebenen Werke. Der Canari der Spanier, das Zuckervögelchen, bildete bald einen namhaften Gegenstand des Handels und sie versorgten alle europäischen Häfen mit ihm.

Er wurde zu hohen Preisen verkauft und nur sehr reiche Leute konnten ihn besitzen. Er war bald der erklärte Liebling der Frauen und hat sich diese Liebe dankbar bis auf den heutigen Tag zu bewahren gewusst, wenn wir ihn auch jetzt in anderer Weise schätzen als früher. Die Spanier monopolisierten den Handel, indem sie nur Männchen ausführten und die Methoden der Züchtung geheim hielten, so dass bis an den Anfang oder die Mitte des 16. Jahrhunderts keine andere Nation diese Vögel züchten konnte. Erst dann änderte sich dieses beschränkende Verhältnis.

Olina erzählt, dass ein nach Livorno bestimmtes spanisches Schiff, mit tausenden Kanarienvögeln an Bord an der italienischen Küste gescheitert sei und die auf diese Weise in Freiheit gelangten Vögel sich westwärts nach der Insel Elba geflüchtet hätten. Das Klima habe ihnen zugesagt und sie hätten sich dort rasch vermehrt.

Erst von dort aus seien sie von den Italienern zur Zucht in der Gefangenschaft verwendet worden. Olina verlegte diese, vielleicht nur teilweise richtige Begebenheit in die Mitte des 16. Jahrhunderts.

Soviel aber ist historisch gesichert, dass von dieser Zeit an, der Kanarienvogel von Italien aus sich rasch nach dem Norden, zuerst nach Tirol und dann nach Deutschland verbreitete, denn wir finden in dem 1669 durch Georg Horst deutsch herausgegebenen Tierbuch von Geßner seiner ausdrücklich erwähnt: diese Vögel sind von diesem teuer verkauft und hoch gehalten worden – anjetzo aber werden sie an vielen Orten in Deutschland gezogen, damit sie sich in gewissen Käfigen oft vermehren.

Es war das Land Tirol, in dem der gelbe Sänger eine begeisterte Aufnahme fand und in dem Marktflecken Imst im Oberinntale, wo viel Bergbau betrieben und er auch viel von den Bergleuten gezüchtet wurde, bildete sich für ihn ein Handelszentrum, welches kulturgeschichtlich nicht ohne Reiz ist.

Spindler sagt: Es vereinigten sich mehrere Umstände, den Markt Imst zum Mittelpunkt des Handels mit geschwätzigen Vögeln zu machen.

Die angeborene Neigung des Oberinntalers, umherzuwandern, je weiter, je lieber, um ein Stück Geld in die raue Heimat zurückzubringen – der lange Winter, der ihm erlaubt, Beschäftigungen im Hause beharrlich nachzugehen – endlich ein fanatischer Hang zur Vogelstellerei und ein besonderes Behagen an der Abwartung, Zähmung und am Abrichten des kleinen Federvolkes.

Jedenfalls wissen wir, dass sich dort jährlich Handelsgesellschaften, gewissermaßen Aktiengesellschaften bildeten, wo die Mitglieder bis zu 70 und 100 Dukaten einzahlten. Von diesen Beträgen wurden dann junge Vögel, und zwar nicht nur in Imst, sondern auch in Deutschland und in der Schweiz zum Anlernen und Unterrichten angekauft. Sorgsam ausgewählte Träger wurden dann mit der handelsfähigen Ware in die weite Welt geschickt.

Der Auszug der Vogelträger geschah zwischen dem Portiuncala- und Laurenzifeste (2. bis 10. August), und gefeiert wurde dieser Tag als Volksfest.

Malerisch genug mag sich ein solcher Zug ausgenommen haben. Die Gilde der Vogelträger in ihrer eigenen Tracht: blaue, reich verschnürte Jacken, die Brusttücher mit silbernen Knöpfen besetzt, die kurzen Lederhosen kunstreich ausgenäht. Die rote Schärpe um den Leib, den grünen Hut auf dem Kopfe und die gefiederte Last in der Vogelstiege auf dem kräftigen Rücken.

Voran ging der vielgereiste Führer, den mit Efeu und Blumen geschmückten Alpenstock in der Hand und, als Zeichen seiner besonderen Würde, begürtet mit einer durch Pfauenfedern geschmückten Leibbinde.

Der Kaplan segnete die Ausziehenden und bis nach dem nahen Orte Nassereit gab das Volk unter Musikbegleitung das Geleite. Nur bis Donauwörth hielten die Träger zusammen, von dort aus trennten sich die Wege und jeder schritt die ihm vorgeschriebene Straße.

Nicht nur das Deutsche Reich durchzogen die furchtlosen Wanderer, sondern Holland, Belgien, Frankreich, Russland, ja sogar die Türkei und Syrien wurden mit der kostbaren Last durchreist.

Ihr Sprüchlein war:

„Gelbe Vögel trag ich aus,

Goldne Vögel bring ich z’ Haus

und fürs Dirndl ’n Blumenstrauß.

Aber ich hab ’n Weg ’n weiten

Und dazu kein Roß zum Reiten

Da braucht’s wohl ’n Kopf ’n gscheiten"

Oft reich an klingender Münze kehrten sie heim, doch gab es auch der guten und der schlechten Vogeljahre. So war das Jahr 1740 ein besonders gutes Kanarienjahr.

Noch heute nennen manche Gegenden den Kanarienvogel „Tiroler Vogel", aber in Imst selbst hat Bergbau und Kanarienhandel aufgehört. Wir können hier gewissermaßen einen Ruhepunkt in unserer Betrachtung machen.

Wir haben die Geschichte des Vogels verfolgt, wie er aus seiner Heimat genommen, in den Käfig gesetzt und dort weiter gezüchtet wird. Er gelangt nach Spanien, welches einen Handel mit ihm beinahe ein Jahrhundert lang monopolisiert, dann nach Italien und schließlich nach Tirol und Deutschland, wo er in Imst einen Handelbeherrschenden Mittelpunkt findet.

Erst von dort aus wird Produktion und Verkauf in planmäßiger Weise organisiert und dadurch der Vogel in unglaublicher Weise verbreitet. Er wird den Leuten in das Haus gebracht, und einmal aufgenommen, entwickelt sich eine dauernde Freundschaft für ihn und mit ihm.

Jetzt können wir nun verfolgen, wie dieser kleine Vogel auf seiner Weltreise von den verschiedenen Volksstämmen aufgenommen und wie er, je nach dem Volkscharakter, von ihnen züchterisch entwickelt wurde.

Betrachten wir zuerst den Tiroler Vogel, so ist er mit dem heutigen Kanariensänger, den wir ja alle kennen, nicht mehr zu vergleichen. Er entspräche vielleicht noch unserer so genannten Landrasse.

Der Kanarienvogel von damals wurde mehr als ein zierlicher und ein artiger Gesellschafter betrachtet und gehalten im offenen Bauer. Die Schönheit des Gefieders und Zeichnung desselben bestimmten seinen Wert.

Die Begabteren mussten Lieder pfeifen und singen lernen, auch wurde er zu Kunststücken abgerichtet, aber sein eigentlicher Gesang war mehr eine wertvolle Nebensache. Es ist ganz charakteristisch für die damalige Schätzung des Tieres, dass die Frauen des vorigen Jahrhunderts ihn gewissermaßen als Toilettengegenstand betrachteten.

Zum Sonntagsstaat der Frau von Stande gehörte der Kanarie auf dem Zeigefinger der rechten Hand, so wurden die Besuche empfangen, so ließ die Frau, welche etwas gelten wollte, sich malen, und es gehörte zum guten Tone, sich nach dem Befinden des gelben Lieblings zu erkundigen, ihm auch wohl ein Stück Zucker mitzubringen.

Schließlich galt er also nichts mehr und nichts weniger als ein artiges Spielzeug – eine tiefere Schätzung, etwa seiner Gesangsleistung, war nicht vorhanden.

So war er, und aus diesem Tiroler Vogel haben nun die germanischen Völkerstämme, die Holländer, die Engländer und die Deutschen, und zwar die letzteren zuerst in dem kleinen Städtchen St. Andreasberg, drei verschiedenen Zuchtlinien geschaffen. Die Holländer veränderten vorwiegend die Figur, die Engländer vorwiegend die Farben und die Deutschen entwickelten die Gesangsfähigkeiten.

Der Holländer Kanarienvogel, wie wir ihn jetzt sehen, ist ein gelber Vogel mit kleinem Kopf und dummem Gesichtsausdruck. Er steht sehr schlank in den Beinen, ist 16 bis 18 Zentimeter hoch, also gewiss ein Drittel größer als unsere Kanarien, häufig mit einer Federhaube versehen und besitzt ein besonders groteskes Gefieder. Die Brust und Rückenfedern sind nämlich sehr lang und eigentümlich gekräuselte, gleichsam zerschlissenen Federn ziehen sich als eine aufgebauschte Linie vom Hals bis zur Brust, welches man Jabot nennt.

Die Federn an der Schulter sind stark aufgebauscht und gekräuselt, was man die Epauletten nennt. Sind die Epauletten besonders stark entwickelt, heißt er Trompeter, sind die dunenartigen Brustfedern wie zu einer tiefen Halskrause sehr stark entwickelt, so avanciert er zum Lord-Major.

Den Franzosen scheinen diese Holländer Kanarien besonders gefallen zu haben, denn sie züchteten sie weiter, daher sie im Handel auch häufig Pariser Kanarien genannt werden.

Noch eine andere Abart bildete sich, die so genannten Belgier oder Brüsseler Kanarien. Es sind sehr schlanke, schmale Holländer von geringerem Gefieder, aber mit einem eigentümlich gewölbten Rücken, dem so genannten Katzenbuckel. Sie haben dadurch etwas ausgesprochen komisch-demütiges und nennt sie der Volkswitz passend Leichenbitter.

Hier müsste ich gleich noch erwähnen, dass die Engländer diese Belgier adoptiert und noch weiter und charakteristisch , aber ohne den eigentlichen Katzenbuckel, durchgezüchtet haben. Die Farbe ist dann ein goldgelb, der Kopf schlangenartig flach, breit und eckig. Die Schultern sind ganz abstehend. Der Glanzpunkt besteht in florettseidenähnlicher Textur der Federn und gelten sie als die elegantesten aller Vögel.

Die unglaublichsten Veränderungen mit dem ursprünglichen Vogel sind nun den Engländern gelungen. Sie haben Vögel gezüchtet, welche kein Laie mehr für Kanarien halten würde.

Wie die Holländer auf Veränderung der Figur und auf ein besonderes Gefieder züchteten, die gelbe Farbe aber beibehielten, so züchtete der Engländer neben der Gestaltsveränderung vorwiegend auf Farbenverschiedenheit. Er hat allmählich Vögel hervorgebracht, die doppelt so groß als ein deutscher Kanarienvogel sind (Manchester-Rasse), oder bedeutend kleiner als ein solcher (Londoner Rasse), und Vögel von zimtbrauner, goldgelber, brauner, grüner, durch Cayennepfeffer-Fütterung sogar von roter Farbe. Ferner Vögel, welche so starke Kopfhauben von Federn haben, dass die Augen überdeckt werden, andere Familien sind wie die Schwalben gezeichnet oder haben regelmäßige schwarze Flecken auf dem olivgrünen Rücken, die so genannten Eidechsen (Lizard) usw.

Es müsste ermüden, die sehr große Anzahl von ziemlich rein durchgezüchteten Kanarienfamilien hier aufzuführen, welche die Engländer produziert haben. Es existieren dort große Vereine von Züchtern und hoch entwickelte Kanarien-Zeitschriften, der Haupthandelsplatz ist Manchester.

So bedeutend die Leistungen der Holländer und namentlich die der Engländer auch züchterisch sein mögen – so sind sie doch alle auf falschen Wegen gegangen und haben das wahre Wesen des Kanarienvogels nicht erkannt.

Sie sind mit allen ihren Leistungen durch die stille und ausdauernde Tätigkeit einfacher Bergleute in St. Andreasberg geschlagen und überschritten worden. Denn erst diese haben gefühlt und verstanden, was den eigentlichsten und den innersten Wert dieses merkwürdigen Vogels ausmacht, was ihm vor allem eigen ist, seine wunderbare Gesangsfähigkeit, seine musikalische Begabung und sein umfangreiches, melodisches Stimmorgan.

Diese großen Anlagen, nicht seine Figur und sein Kleid sind die Grundlagen gewesen und sind es geblieben, auf denen der Deutsche den Vogel züchterisch zu seiner jetzigen Höhe, zum Gesangsvogel entwickelt hat.

Allerdings singen die Holländer und die englischen Farbenvögel ebenfalls – aber dieses armselige Gezwitscher darf mit dem wirklichen Gesang eines Harzers nicht verglichen werden.

Nach Andreasberg kam der Kanarienvogel wahrscheinlich erst Anfangs des vorigen Jahrhunderts. Der Bergbau in Imst wurde eingeschränkt und wanderten Imster Bergleute nach St. Andreasberg aus, sich dort ein neues Heim oder lohnende Beschäftigung in den St. Andreasberger Bergwerken zu gründen. Natürlich brachten sie den gelben, ihnen unentbehrlichen gewordenen Hausgenossen mit.

Zuerst allerdings wurde noch unklar und nach Tiroler Manier gezüchtet. Neben Kanarien hielt man, wie in Imst, noch den abgerichteten Gimpel und den Edelfink.

Wenn im Frühjahr dann die Sonne lockte, wanderten die Andreasberger hinaus, die am schönsten schlagenden Finken zu verhören und die besten einzufangen. Die Finkenliebhaberei war so groß, dass fast vor jedem Haus ein Fink hing – wer nicht seinen Finken hatte, galt nichts und die ärmsten Leute boten oft vier bis fünf Taler für ein gutes Exemplar.

Sehr schwer hielt es, diese Finkenliebhaberei in St. Andreasberg zu verdrängen und haben die Kanarienzüchter zuerst gewiss einen schweren Stand gehabt. Denn jeder singende Vogel und ganz besonders der Kanarienvogel ist aufmerksam auf fremden Gesang. Das gellende „Schapp, Schapp" der Finken soll aber kein edler Sänger hören und darum können Fink und Kanarienvogel nicht nebeneinander bestehen.

Diese Erkenntnis brach sich endlich Bahn mit dem Verständnis, wie weit der gelbe Vetter an musikalischem Werte alle anderen Vögel überragt.

Erst jetzt konnten die Andreasberger rein auf Gesang züchten und sie haben schließlich Vögel mit solchen Leistungen erzogen, dass sie alles frühere weit in den Schatten stellten und dadurch den Weltruf St. Andreasbergs begründeten.

Die züchterische Tätigkeit war eine einfache und zugleich mühsame. Sie setzte neben ausgezeichnetem Gehör die größte Hingebung und unausgesetzte Aufmerksamkeit voraus. Fast jede Stunde des Tages wurde den Vögeln gewidmet.

Schon im Februar musste die Hecke zusammengesetzt – wie der der Andreasberger sagt, eingeworfen – werden. Bis November und Dezember dauert dann die Überwachung der jungen Brut. Da gab es alte Züchter, die von September an überhaupt die Stube nicht mehr verließen, um die Schüler keine Stunde ohne Aufsicht zu lassen. Denn trotz aller seiner Anlagen verlangt der gelbe Sänger, soll etwas rechtes aus ihm werden, einen gesitteten Unterricht.

Zuerst kommt die junge Brut, sobald sie selbständig geworden und aus der Hecke genommen werden kann, in große Flugbauer, um dort die Jugend zu genießen, richtiger durch Turnen und Herumbalgen mit ihresgleichen den Körper zu kräftigen und die Brust zu weiten. Keine Stunde ist der Schüler ohne Vorsänger.

Bald nach der Mauser, die er leicht übersteht, da er nur die Flaumfedern, nicht die Kielfedern wechselt, regt sich der Gesangsdrang mächtiger in ihm.

Wenn dann die Vorsänger ihr Morgen-, Mittag- und Abendlied, das sind die Tageszeiten, an denen der Vogel besonders zusammenhängend singt, vortragen, sieht man in einem edlen Stamme das Gebalge der Jugend aufhören.

Die Kleinen sitzen dann ruhig, Mann neben Mann auf den Stangen und üben, ihre Kehlchen mächtig aufblasend, jeder nur mit sich selbst und seinem Studium beschäftigt. Für jeden Tierfreund ein reizender Anblick. Zuerst allerdings ist die Stimme noch unbeholfen, es ist ein Geknuckse und Geknackse, allmählich aber klärt sich das Tongeschwirr und lassen sich die einzelnen Touren wohl heraushören. Sie werden dreister und versuchen ihr Repertoire zu vergrößern.

Je ruhiger die Vögel beim Singen sitzen bleiben, je fleißiger sie üben, je vielversprechender ist die Nachzucht. Da aber die Veranlagung der einzelnen Individuen eine recht verschiedene ist, so müssen der Ansteckungsgefahr wegen schon jetzt die schlechten Subjekte entfernt werden.

Es kommt nun die Zeit, wo die Jugend anfängt lauter zu werden, wo der Überschuss der Kräfte die Gefahr eines heftigen Gesanges birgt, der Harzer Vogel soll aber leise und ruhig singen.

Die jungen Studenten kommen daher in Klausur, d.h. in kleine Bauerchen, die so genannten Harzer Bauerchen, in Einzelhaft. Zuerst behagt das enge Behältnis der an den freien Flug im großen Bauer gewöhnten Jugend sehr wenig. – aber ihre schmiegsame Natur gewöhnt sich rasch an die neuen Verhältnisse und bald beginnt sich ein erneuter Lerneifer zu zeigen.

Es ist erstaunlicher Fleiß in diesen jungen Tieren und es hat etwas Rührendes, wie sie immer wieder ansetzen, um eine schwierige Tour herauszubekommen, bis es endlich gelingt, und mit Stolz sie dieselbe dann wiederholen.

In den kleinen Bauern werden die Vögel allmählich an eine gewisse Verdunkelung gewöhnt, am besten in sogenannten Gesangskästen oder in Dunkelkästen gestellt. Die Vögel müssen einander hören, aber keiner darf den anderen sehen können. Dadurch wird erreicht, dass der Schüler seine ganze Aufmerksamkeit auf den Gesang konzentriert, weder kann er in dem kleinen Behältnis ausgiebig turnen, noch seine Zeit mit der Beobachtung seiner Umgebung vertrödeln und das milde Dämmerlicht gibt ihm Ruhe.

Diese Verdunkelung ist seit 50 Jahren von den Andreasbergern als ein mächtiges und durchaus unentbehrliches Hilfsmittel für die Erziehung und Erhaltung eines ruhigen und zusammenhängenden Gesanges erkannt und benutzt worden. Ohne dieses Hilfsmittel würden wir die heutigen Leistungen der Gesangsvögel nicht besitzen.

Die Sonne ist der Feind des Gesanges , lautet ein durchaus richtiges Wort der Kanarienveredlung und auch die Nachtigall singt ihre klagenden Rollen und füllenden Flöten ruhiger, gebundener und getragener in dem Düster der Nacht oder dem milden Dämmerlicht des Mondscheins, während ihr Gesang am Tage unruhiger, kürzer und mehr abgebrochener sich zeigt.

Es ist durchaus nicht richtig, die Sänger in ihrem dämmerigen Heim zu beklagen, sie befinden sich sehr wohl darin und lohnen alle Pflege durch fleißigen Gesang.

Der Gesang aber ist auch ein Ausdruck körperlichen Wohlbefindens, er zeigt uns an, dass der kleine Bewohner des dunklen Bauers sich behaglich fühlt. Nur einzelne, besonders ruhige Exemplare vertragen das volle Tageslicht, doch sind solche Individuen verhältnismäßig selten.

Der seit einem halben Jahrhundert in der Dämmerung erzogene Andreasberger ist ein echter Kammersänger und Kammermusikus geworden. Ruhig, zart und leise singt er seine Weise.

Man setzt den edelsten Vogel dem Lichte, oder wie es Unverständigerweise oft geschieht der vollen Sonne aus – er beginnt lauter zu werden, das gebundene geht verloren, er fängt an zu dreschen, wie der technische Ausdruck lautet, vielleicht an zu schreien.

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Veredelung war die besondere Ernährung. Der Gesangesvogel musste nach langjähriger Erfahrung in eigenster Weise gefüttert werden. Alle mehligen Sämereien sind seiner Stimme schädlich, machen sie leicht heiser und schreiig.

Nur ölige Sämereien dürfen gegeben werden, und zwar stellt bester, ausgereifter Sommerrübsen das Grundfutter dar. Je milder und süßer sein Geschmack, je mehr wird er geschätzt, Winterrübsamen darf ihm nicht beigemischt sein, da dieser den Vögeln sehr schädlich ist. Guten, reinen Sommerrübsen zu erwerben ist das erste Bestreben des Züchters.

Es gibt große Firmen, welche den Samen für diesen besonderen Zweck anbauen, oft jäten und ausreifen lassen und diese ausgezeichnete Ware dann in den Handel bringen. Es darf nicht verschwiegen werden, dass dieser der Stimme so zuträgliche Samen von den Vögeln eigentlich nicht gerne genommen wird, daher die Tiere auch nie mehr von ihm fressen, als sie zur Erhaltung brauchen. Geringe Mengen von Mohnsamen und Salatsamen sind ebenfalls zulässig. Sehr schädlich dagegen wird der Kanariensamen – Spitzsamen genannt – und Hanf, beides darf ein Andreasberger Vogel nicht bekommen, es macht die Tiere heftig und schreiig.

Von Sommerrübsen allein kann ein sehr fleißiger Sänger nicht bestehen und bekommt er als Kraftfutter täglich oder ein um den anderen Tag eine Messerspitze hartgekochtes Ei mit etwas Zwieback verrieben. Ohne Eifutter ist ein durchsingender Vogel gar nicht zu erhalten, es ist das einzige Futter, welches dem Vogel Ausdauer gibt und zugleich für die Stimme günstig ist. Vögel mit Eifutter haben Schmelz im Organ und melodischen Zug im Gesange. Nur macht es in größerer Menge gefüttert heftig, daher es vom einsichtigen Züchter der Individualität des Tieres entsprechend gefüttert werden muss – einzelne vertragen mehr, bedürfen sogar des Sporns – andere nur wenig. Ei mit Maismehl und Zucker, nach dem Rezept Peter Erntges in Elberfeld gebacken, kommt in den Handel als Maizenabiskuit und ist jetzt fast überall zu haben. Für solche, welche nur einen oder wenige Sänger halten eine große Bequemlichkeit.

Je nach dem die Zöglinge bei dieser Fütterung und Erziehung sich gesanglich entwickeln und die Touren beherrschen, werden sie mit andern ähnlich begabten mehr nebeneinander gestellt, dem Vorsänger näher oder entfernter in die Nachbarschaft gebracht – wie es der einsichtige Züchter für zweckmäßig hält, und tut hier Kenntnis und Erfahrung des Züchters sehr viel, daher die Erfolge der verschiedenen Methoden gar sehr verschieden sind.

Erst nach Weihnachten kann ein Endgültiges Urteil über die Nachzucht gefällt werden, trotzdem wird viele Brut noch unreif, im Oktober, sogar noch eher, in den Handel gebracht. Solche Vögel sind nicht hinreichend ausgebildet und schlagen nach der nächsten Mauser meist um.

Die vorzügliche Nachzucht behält natürlich der Züchter selbst, um seine Zucht immer mehr zu verbessern. Daher ist es so schwer, recht gute Vögel zu erhalten. Ist ein Jahrgang befriedigend, so ist ein fünftel der Nachzucht besser als die Alten geworden, es gibt aber auch schlechte Jahre.

Überblicken wir nochmals kurz, wodurch die Andreasberger die Gesangesrasse, auch Andreasberger, oder kurzweg Harzer Rasse genannt, geschaffen haben, so ist es in erster Linie die richtige Zuchtwahl indem immer nur die Begabtesten und am reinsten singenden Vögel zur Zucht verwendet wurden – ferner die sorgsame Erziehung der Jugend bei der Ernährung mit reinem Ölsamen, dann das mächtige Hilfsmittel der Einführung des Eifutters – besonders aber die konsequente Durchführung des dämmrigen Lichtes in Gesangskästen, welches dem Vogel alles Fremdartige abhält und ihn im ruhigen Gesange erhält.

Der Gesang dieser Vögel lässt sich schwer beschreiben, es existiert kein Instrument, welches ihn im Toncharakter auch nur annähernd nachahmen könnte, und durch Noten lässt sich nur Tempo und Tonhöhe, nicht aber die Klangfarbe wiedergeben.

Schließlich besteht er als Grundlage:

Aus sanften, feinen Trillern und Wirbeln, welche einen mehr schwirrenden, mehr flötenden oder mehr hohlklingenden Charakter haben und in mehr oder weniger rascher Aufeinanderfolge zu so genannten Rollen verbunden werden. Diese Rollen gleichen dann oft tiefen, sich wellenartig aus der Brust brechenden Stößen;

Aus hohlen Pfeifen und Flöten;

Aus Gluckertönen

Diese Rollen oder Touren, von den Andreasbergern Stücke genannt, werden in geschmackvoller Weise verbunden und, wie man sagt, zu einem Lied vereinigt.

Selbstverständlich darf man darunter keine komponierte Melodie verstehen, wie sie ein Gimpel nachpfeift – etwa „Heil Dir im Siegerkranz" oder „Ach wie ist’s möglich denn" usw. – sondern es ist und bleibt die liedartige Aneinanderreihung natürlichen Vogelgesanges. Je mehr Stücke der Vogel bringt, je tourenreicher heißt im Gegensatz zu tourenarmen Vögeln, die nur wenig Abwechslung in ihrem Gesange haben.

Je höher, tiefer und melodischer, je mehr mit dem unteren Kehlkopf und geschlossenem Schnabel gesungen wird, je zusammenhängender, länger und mannigfaltiger das Lied, je wertvoller ist der Vogel. Wenn tiefe saftige Flötentöne die Tourenfolge angemessen unterbrechen und abgrenzen, so gibt dies dem Gesange Charakter und einen eigenen Reiz – besonders schön machen sich in die Tonhöhe fallende Flöten am Schlusse des Liedes. Dennoch gehören die Flöten, sosehr sie in das Ohr fallen, nicht zum eigentlichen Tourengesang, sondern stellen nur angemessene Unterbrechungen und charaktervolle Verzierungen des Gesanges dar.

Ein solcher Gesang ist das Ideal, nachdem gezüchtet wird – aber trotz aller bedeutenden Leistungen sind wir erst so weit, dass nur ein kleiner Prozentsatz unserer Züchter diesem Ideale nachkommt.

Das Gros zeigt geringere Leistungen – immerhin noch recht bemerkenswert, aber die Vögel haben die Touren entweder mangelhaft aufgefasst, bringen sie unschön, sogar verdorben, haben auch oft zu geringe Stimmmittel, der Hauptfehler der modernen Vögel, oder sie sind, wie man sagt, nicht rein, d.h. sie bringen schlechte Locktöne, so genannte Beiwörter, welche teils die ursprünglich angestammten Laute sind, teils auch aus der Gimpel- und Finkenzeit stammen, teils Rückschläge auf frühere unreine Zuchten darstellen. Gar zu gern schleichen sich solche poetischen Lizenzen in die besten Stämme ein und sind nur sehr schwer wieder zu entfernen.

Es würde unmöglich sein, ohne Ermüdung hervorzurufen – hier die verschiedensten Touren näher zu beschreiben. Hier nur das allerwesentlichste.

Was das Stimmorgan des kleinen Sängers anbetrifft, so ist der Umfang seiner Kehle doch sehr erstaunlich. Er übertrifft darin in seiner jetzigen Ausbildung alle anderen Sänger der gefiederten Welt. Er beherrscht drei Oktaven, vom g der kleinen Oktave bis zum dreigestrichenen A. Nebenbei bemerkt, besaß die große Catalani 3 ½ Oktaven, während die gewöhnlichen Sterblichen nur 2 bis 2 1/2 Oktaven singbares Register haben.

Das eine solche umfangreiche Kehle der strengen Schulung bedarf, damit nicht musikalische Ausartungen eintreten, ist ganz erklärlich. Die wichtigsten Rollen werden ganz nach ihrem Toncharakter Hohlrollen, Klingelrollen, Knarrollen, Gluckrollen, Wasserrollen, Koller, Schwirrolle und Schnatterrollen genannt. Die Hohlrolle ist die am schönsten modulierende Tour und steht darin einzig da – es ist ein weicher, hohler Klang mit tremolierendem Tempo. Ihre Tonhöhe liegt innerhalb zweier Oktaven, vom cis der zweigestrichenen bis zum g der dreigestrichenen Oktave. Sie kommt sowohl gerade als auch gebogen vor.

Die gerade Hohlrolle , wo die Rolle in eine Tonhöhe gebracht wird, kann in verschiedener Tonhöhe wiederholt werden, was die Andreasberger „übersetzen" nennen - sie kann also steigend oder fallend übersetzt werden. Die gebogenen Hohlrolle liegt natürlich entweder aufwärts, oder was noch schöner klingt nach abwärts.

Der Text ist u,ü,o,a – am schönsten mit u, was nur die tiefen Hohlrollen leisten. Der Anlaut ist h oder b. Vögel, die vorwiegend in der Hohlrolle sich bewegen, nennt man Hohlroller. Nicht selten wird ein i mitgehört, sie kann dadurch doppeltönig werden und dem Charakter der Klingelrolle sich nähern.

Die Klingelrolle, deren Text ein reines i ist, wo nur ein r gewissermaßen durchbraust, hat nur den halben Umfang der Hohlrolle. Sie liegt immer sehr hoch vom c – a der dreigestrichenen Oktave. Sie kann gerade, auf – oder abwärts gebogen sein.

Nach der Beschreibung eines Fachmusikers hat sie ihm den Eindruck gemacht, als ob eine unzählige Menge kleiner, silberner Glocken zugleich und rasselnd durcheinander geschüttet würden – wenn dies so weich, als der Vogel sie bringt möglich wäre.

Jedenfalls hat die Rolle etwas doppeltönendes, deutlich klingelndes. Vögel, welche diese Tour besonders gut ausgebildet haben, heißen Klingelroller. Diese Klingelroller haben eine Eigentümlichkeit, sie geben allen anderen Rollern, welche sie sonst noch bringen, gern einen klingelnden Charakter – machen sie doppeltönig durch Einführen eines i in den Text. Die edelsten Klingelroller weist der Stamm Trute auf. Eine herrliche silberhelle Klingel ist die Hauptzierde des Gesanges – die Hohlrolle hat aber oft einen klingelnden Charakter.

In dem Maße wie aber auf eine tiefere und hohlklingende Hohlrolle gezüchtet wird, geht die herrliche Klingel verloren, wie man sich beim Originalzüchter W. Trute in St. Andreasberg selbst überzeugen kann.

Die Knarrolle, auch kurzweg Knarre, Knorre oder Knurre genannt, bildet den Baß im Gesange der Vögel. Je voller sie ist, je rascher ihr Tempo, je mehr bekommt sie etwas Rauschendes und ist dann von besonderer Schönheit, während sie, mit langsameren Rollen-Tempo hervorgebracht Knatterknarre genannt, bei weitem weniger schön klingt. Der Ton liegt auf dem g oder a der kleinen Oktave, der Text ist r, mit den Vokalen a, o, oder u. Meist ist sie eine gerade Tour, doch kann sie auch gebogen werden, was eine wunderbare Wirkung hervorbringt. Nur einzelne, auserwählte Vögel des Erntgeschen Stammes sind solcher Leistungen fähig. Ein Gesang ohne tiefe Knorre wird auf die Dauer ermüdend und es fehlt ihm Charakter, so schön die sonstigen Touren auch sein mögen. Es fehlt eben der Bass.

Die Wasserrolle, bekanntlich eine Haupttour der Nachtigall, klingt dem Plätschern und Rauschen des Wassers sehr ähnlich, daher ihr Name. Sie gehört zur Mittellage des Kanariengesanges und wird auf dem c, d, oder e der zweigestrichenen Oktave vorgetragen. Ihr Tempo ist ein sehr ruhiges und gibt sie dem Gesange, wegen des ruhigen Plätscherns, eine angenehme Abwechslung.

Die Gluckrolle ist eine der schönsten Touren, welche der Kanarienvogel bringen kann. Sie ist aus der Glucke, der bekannten Nachtigallenstrophe, entstanden. Abgemessene Tonperlen in ruhigem Tempo mit dem deutlichen Gluck, Gluck, sind die Grundlage. Solche Vögel zeichneten sich auch durch tiefe, saftige Flöten aus und wurden Gluckern, auch Nachtigallenschläger genannt. Sie sind jetzt fast ausgestorben, nur noch Reste von ihnen sind vorhanden. Mit der Entwicklung der Rollen im Gesang wurden auch die Gluckern rascher, rollenartig aneinander gereiht, und so entstand die Gluckrolle. Sie hat auch als Rolle das langsamere Tempo behalten, ihr Ton ist voll und von stark metallischer Klangfärbung und liegt in der Mittellage des Kanariengesangs auf dem d – h der zweigestrichenen Oktave. Die Gluckrolle kann gerade oder gebogen gebracht werden. Gluckervögel waren sehr beanlagte Vögel und haben aus ihrer Haupttour heraus drei verschiedene Touren von mächtiger Tonschönheit entwickelt; die Lachrolle, die Kuller und die Koller.

Die Lachrolle ist eine untergegangene Tour, denn was man jetzt so nennt, ist nicht die erste und echte Tour. Sie hat Ähnlichkeit mit dem menschlichen Lachen. Es waren weiche Töne mit dem Anlaut h, welche in großen Bogen, wohl 3 Oktave durchmessend, gewöhnlich mit hi, hi auf hü, hü, abbiegend, in das tiefste hu, hu ausklingend, endete. Die besten Sänger brachten die große Bogentour fünf bis siebenmal in einem Liede vor. Immer war die Lachrolle hohl und hüpfend, wehmütigen Charakters oder zitternd, tremolierend. Vom Schauplatz verschwunden, hat die Rolle nicht einmal einen Ableger hinterlassen. Auch die Kuller ist nur noch in einem einzigen Stamme als Rest vorhanden. Sie trägt noch deutlich die Zeichen ihrer Abstammung aus Gluckertönen.

Die Koller ist eine Prachttour der alten, guten Andreasberger Zucht und zum Glück noch erhalten, wenn auch nicht mehr in der großartigen Ausführung vergangener Zeiten. Herr Peter Erntges in Elberfeld hat diese herrliche Tour vor dem Aussterben bewahrt und züchtet noch jetzt den so genannten Kollerstamm. Die Koller, unbedingt aus der Gluckrolle hervorgegangen, hat, wie der Name sagt, etwas kollerndes, gurgelndes. Ihre Töne sind mit einem Metall versetzt, wie wir es bei gar keiner anderen Tour mehr wieder finden. Sie ist von herrlicher Klangfärbung und nebst einer edlen Gluckrolle das schönste, was man von Kanarien hören kann. Ihre Technik ist eine so schwierige, dass selbst in einem reinen Kollerstamm nur ein kleiner Prozentsatz imstande ist, diese Tour auszuführen.

Die Schwirr- und Schnatterrollen werden nur von sehr ausgezeichneten Sängern edel und anmutig vorgetragen; die geringeren Sänger wissen nichts aus diesen Touren zu machen, da sie keine Zierde des Gesanges mehr sind.

Nicht selten begegnet man der Auffassung, dass der Gesang durch fremde Einflüsse, durch das Vorleiern von Orgeln, Flöten und anderen Instrumenten angelernt worden sei. Zur Imster Zeit mögen wohl Kantor und Schulmeister mit Orgel und Flöte im Dienste des Kanarienunterrichtes gestanden haben – ist es doch erwiesen, dass Kanarien fremde Töne aufnehmen und nachahmen können, haben sie doch gar bestimmte Lieder nachpfeifen, ja sogar einzelne Worte sprechen, richtiger singen gelernt – kommt es doch jetzt noch vor, das von Unkundigen und Unverständigen Vogelorgel und Rollerpfeifen zu Abrichtungsexperimenten benutzt werden – wodurch dann ein unbehilflicher, verständnisloser Vortrag entsteht. Aber die alten Andreasberger hatten doch ein tieferes Verständnis für die Veredelung ihrer Vögel, indem sie die von uns bewunderten Leistungen aus dem natürlichen Gesange des Vogels heraus entwickelten. Der Gesang des Wildlings, von dem unser Sänger abstammt, ist ja noch zu hören, man kann ja noch vergleichen.

Boecker in Wetzlar, der zugleich ein ausgezeichneter Kenner des Harzer Gesanges ist, findet im Gesange des Wildlings kurze Triller, kurze Knarre, sogar kurze Rollenansätze, schöne Gluckertouren und Hohlpfeifen. Daneben natürlich in reicher Ausbreitung die gefürchteten Schnattern und das verpönte Schapp, Schapp, Schapp.

Das sind aber schließlich die einfachsten Grundlagen des jetzigen Gesanges in seinen guten und in seinen geringeren Touren – selbst die jetzigen Fehler, wenn sie auftreten, sind zum Teil die alten Laster.

Der Gesang dieses Wildlings kann aber wie Boecker klagt, den Kenner des Harzer Gesanges nicht befriedigen, trotzdem die Stimme weich, frisch und melodisch sei. Das ist ja eben die große Tat der Andreasberger, dass sie als wackere Bergleute den goldenen Schatz des Gesanges, welcher in diesen Vögeln lag, erkannt, gehoben und geläutert haben, dass sie ferner an einer fortschreitenden Veredelung auf natürlicher Grundlage festhielten, dass sie die Väter die Lehrmeister der Jungen sein ließen, und dadurch Seele und Phantasie des Vogels gewissermaßen mit deponierten.

Nur durch diese Methode ist es möglich geworden, dass der Gesang trotz seiner hohen Veredelung etwas Naturfrisches und Natürliches bewahrt hat. Nichts ihm fremdes, angelerntes trägt der Sänger vor, sondern er singt in der Sprache seines Volkes, allerdings gewählt und von einer höheren Stufe der Kultur. Sein Lied zeigt Seele und Verständnis, es schwelgt in den heimischen Lauten; es lässt den Ton anschwellen und wieder abschwellen und verändert selbständig Art und Folge der Touren. Er dichtet! wie ein naives Wort der Andreasberger ausdrückt. Bei trübem Wetter singt er ruhig, leise und klagend, bei sonnigem Wetter wird der Gesang unruhiger, die Sonne regt ihn auf.

Wird er mit mehreren seines Stammes zu einer Kapelle vereinigt gehalten, so singen die kleinen Künstler sich bald in ein passendes Ensemble ein – sie lieben den Gesang anderer Gesellen zu hören und an manchen Tagen schwelgen sie förmlich im Wohllaut. Da soll man doch nicht sagen, dass sei ein angelerntes Lied - weil der Vogel lernen muss.

Der Gesang ist die Sprache der Vögel und sie müssen ebenso gut sprechen lernen, wie der Mensch es lernen muss. Aber bald beherrscht auch der gefiederte Weltbürger den Tonschatz seines Stammes und dichtet er seine Lieder, jubelnd, klagend oder gemessen aus ihm.

Es ist leider sehr schwer, hervorragende Exemplare von Sängern zu erhalten. Nur selten hat der Züchter derartiges abzugeben und dies geht bald in die Hände bekannter und bewährter Liebhaber über, denen natürlich kein Preis zu hoch ist. Auf den offenen Markt kommt nur die geringere Ware und daher gibt es so viele Menschen, und so wenig, welche wissen, wie so ein Vogel singen soll und wie er singen kann.

Es muss hier das Geständnis abgelegt werden, dass die Leistungen, welche Andreasberg berühmt gemacht haben, jetzt nicht mehr dort gefunden werden. Es hängt dies mit den gänzlich veränderten Handelseinrichtungen zusammen. Wie heutzutage die Verhältnisse liegen, so gibt es wohl kaum eine Zucht, die vom Handel so verderblich beeinflusst worden ist, als die Kanarienzucht. Die alte Liebhaberei, die so Großes geleistet hat, ist der Massenproduktion gewichen, denn nur bei dieser ist wirklich etwas zu verdienen. Am stärksten war der Niedergang seit dem Export von Kanarien nach Amerika, welcher durch die Bemühungen der Gebrüder Reiche eine ungeahnte Ausdehnung erhalten hatte. Es wurden von ihnen dieselben Preise wie früher bezahlt, jedoch schon Ende Juli die erste Brut abgeholt, was für den Züchter natürlich große pekuniäre Vorteile bot. Aber von einer Erziehung der Jugend konnte füglich nicht mehr die Rede sein – der Geldverdienst wurde die Hauptsache und allmählich wurde die Kanarienzucht immer mehr und mehr zu einem Fabrikationszweige gemacht – wie jedes andere.

Für Andreasberg konnten die Rückschläge natürlich nicht ausbleiben, war doch bei vielen Stämmen die rationelle Descrendenz der Veredelung in schwer wieder gut zu machender Weise unterbrochen und geschädigt worden.

Wenn die Andreasberger ihren alten Ruf behalten wollen, so müssen sie vor allem dahin wirken, dass die Anzahl der besseren Zuchten, die unbedingt noch vorhanden sind, immer mehr zunehmen. Denn auch in Andreasberg gibt es geringere Stämme, wo Massenzucht getrieben wird, mit dem Motto: die Menge muss es bringen.

Die besseren Stämme sind alle in festen Händen von Händlern. Der berühmte Kanarienhändler Mieth in Berlin kaufte den besten Stamm Andreasbergs, den Trutestamm.

Was man aber auch sagen mag, immer bleibt Andreasberg auch jetzt noch die Hochschule des Kanariengesanges, denn an keinem anderen Orte findet man so viele verschiedene Stämme auf kleinem Raume zusammengedrängt, wie in diesem Kanarien-Mekka, wohin jeder Liebhaber wenigstens einmal pilgert.

Der Ort selbst, 700 Meter hochgelegen, allen peitschenden Winden preisgegeben, ist klein und besitzt ungefähr 3.000 Einwohner mit 476 Häusern. Es existieren etwa 250 Züchtereien, die ungefähr 17.000 bis 20.000 singende Hähne produzieren, was einer jährlichen Einnahme von 200.000 Mark gleich kommen dürfte. Dazu kommen noch die Einnahmen für die Weibchen – für die Bauerchen, die dort fabriziert werden – und der viele Fremdenverkehr wegen der Kanarien. Auch eine Zeitschrift für Zucht und Handel hat der dortige Kanarienzüchterverein geschaffen.

Aber die Außerharzer Konkurrenz droht immer mächtiger zu werden und die Leistungen der jetzigen Andreasberger zu überflügeln. Denn das der Vogel gut singt, liegt natürlich nicht daran, dass er im Harz, sondern dass er aus Harzer Rasse gezüchtet ist – wo das Heckbauer gestanden hat, ist selbstverständlich ganz gleichgültig und die Methoden der Züchtung sind überall bekannt. Jetzt werden in ganz Deutschland, besonders in Berlin, Leipzig, Hannover und am Rhein gute Kanarien, Harzer Rasse, gezüchtet und es wird an Veredelung auch wirklich etwas geleistet. Es gibt Züchter in Berlin, welche mit ihren Leistungen dem berühmten Züchter Trute in Andreasberg sehr nahe kommen und einen Züchter, wie Peter Erntges in Elberfeld, besitzt ganz Andrasberg jetzt nicht mehr.

Am Schlusse dieser Betrachtung darf wohl hervorgehoben werden, wie dieser kleine, gelbe Vogel aus einer so eng begrenzten Heimat schließlich über den ganzen Erdball verbreitet und Gegenstand einer weltdurchschreitenden Industrie geworden ist.

Er findet überall bereitwillige Aufnahme; hat doch eine einzige Handlung, allerdings wohl die bedeutendste, allein im Jahre 1882 singende Kanarienhähne exportiert:

nach New York    120.000 Stück

nach Südamerika   10.500 Stück

nach Australien        5.600 Stück

nach Südafrika         3.000 Stück

nach Frankreich      30.000 Stück

nach Belgien           30.000 Stück

nach England          30.000 Stück

nach Russland        30.000 Stück

nach Österreich       30.000 Stück

Immer aber sind es nur die Gesangsvögel, welche ausgeführt werden, den Geschmack der Holländer und Engländer teilen die anderen Nationen nicht. Auch gezüchtet wird er fast überall, selbst in Japan, und Herr Reiche erzählt, dass die Chinesen anfingen, durch die Zucht ihm recht empfindliche Konkurrenz zu machen. Wo irgendwo die Kultur sich regt, tritt der Kanarienvogel auf. Für Amerika sagt Reiche: „Von New York an bis Kalifornien, von Kanada bis Mississippi – allüberall hat sich in den wenigen Jahren der „deutsche Kanarienvogel" Eingang, Liebhaber und Freunde verschafft; sein frischer, klangvoller und tonreicher Schlag füllt das Prachtzimmer der vornehmsten Frau und klingt wieder im einsamsten Walde, welcher das neu errichtete Blockhaus noch umgibt".

Und in der Tat, überall wo er auftritt, versteht er alle Gesellschaftsklassen zu erobern, man findet ihn in königlichen Prunkgemächern – vorzugsweise allerdings ist er der Liebling der kleinen Leute. Singt er doch fast das ganze Jahr, und wenn es im Winter stürmt und schneit, wir jeden anderen Vogelgesang entbehren müssen, lässt er seine lieblichsten Weisen ertönen. Dabei ist seine Unterhaltung so billig als möglich. Obgleich er als echter Kosmopolit alle Bildungsgrade zu befriedigen versteht, bleibt er doch vorzugsweise ein Kind des Volkes, vom deutschen Volk gezüchtet, geliebt und geschätzt. Er ist für uns ein deutsches Nationalgut geworden – denn nur die deutsche Volksseele war fähig, ihn in dieser Weise zu entwickeln.

Wenn wir aber fragen: wo hat der gelbe Sänger zuerst seine höchste, weil künstlerische Entwicklung erfahren? so müssen wir dankbar antworten: „In St. Andreasberg im Harz."

 


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