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Aufbau eines Zuchtstammes:

Als Krönung der Haltung von Tieren wird vielfach angestrebt, sie zur Fortpflanzung zu bringen.

Tierhalter neigen dazu, jede Fortpflanzung von Tieren in ihrer Obhut als Zucht zu bezeichnen. Dieser Terminus müsste aber einer durch den Menschen geplanten und gelenkten Festigung, Verstärkung oder Neukombination von Eigenschaften mit bestimmten Zielen in der nächsten Generation vorbehalten bleiben.

Weit verbreitet ist die Ansicht, die Fortpflanzung von Tieren sei die beste Bestätigung dafür, dass ihre Haltung und ihre Fütterung optimal sind. Dabei wird nicht beachtet, welch große Bedeutung die Erhaltung der Art hat. So pflanzen sich Tiere auch unter suboptimalen Bedingungen fort, oft sogar dann noch, wenn nur einige wenige Grundbedingungen erfüllt sind und das Leben der Elterntiere am Rande des Existenzminimums verläuft. Häufig glauben nämlich Tierhalter, wenn die von ihnen betreuten Tiere zur Fortpflanzung gebracht worden sind, gäbe es an ihrer Haltung und Fütterung nichts mehr zu verbessern. Dem muss zum Wohl der Tiere entgegengetreten werden.

Im günstigsten Fall bebrüten Vögel die von ihnen gelegten Eier und ziehen die daraus schlüpfenden Jungtiere bis zur Selbständigkeit auf. Bei manchen Arten ist der Pfleger schon froh, wenn er die Vögel schon so weit bringen kann, dass sie befruchtete Eier legen. Für diese Tiere kann er nicht die Vorraussetzungen für eine erfolgreiche Aufzucht schaffen. Er überträgt die Brut anderen, mehr oder weniger domestizierten Vögeln oder auch Brutapparaten. Die Aufzucht wird dann von denselben Vögeln, von anderen Ammenvögeln, von technischen Geräten oder vom Menschen selbst besorgt.

Vom Schlüpfen bis zur Selbständigkeit sind die Vögel auch oder gerade in der Obhut des Menschen und bei allen genannten Aufzuchtformen mancherlei Gefährdungen ausgesetzt.

Züchter ist also, wer etwas zur Erhaltung und Verbesserung einer Rasse tut.

Eine der verbreitetsten Zuchtmethoden ist die, dass alljährlich entweder auf der Ausstellung oder direkt vom Züchter ein sogenannter „blutsfremder" Hahn erworben und in den eigenen Stamm eingestellt wird. Bei einigem Glück wird die Nachzucht ganz gut, der Züchter hat Erfolg. Es kann aber auch anders kommen. Ein einmaliger Fehlschlag wird meistens noch hingenommen, treten aber mehrere Jahre hintereinander nicht die gewünschten Erfolge auf, taugt eben der gesamte Stamm nichts mehr. Es wird ein neuer Stamm angeschafft und das ganze Spiel beginnt wieder von neuem. Die Art der Züchtung, wenn man hierzu überhaupt das Wort Züchten gebrauchen kann, ist reines Lotteriespiel.

Eine andere Methode ist die, dass alljährlich oder in mehreren Abständen immer ein neuer Hahn aus der gleichen führenden Zucht eingestellt wird. Hier hat der so handelnde Züchter so lange Erfolg, wie auch die Zucht aus der er seine Hähne bezieht, auf der Höhe bleibt; ja er kann mit einzelnen Hähnen auch einmal bessere Erfolge erringen als sein Lieferant. Es handelt sich hier also um keine Originalzucht, sondern um eine Vermehrungszucht, um ein Sonnen im Glanz der Züchtungskunst eines anderen. Beide der bisher genannten Züchtungsarten nützen der Rassezucht insofern, als sie dem wirklichen Züchter einen Teil seiner Mühe bezahlen.

Die Linienzucht wurde und wird auch heute noch von zahlreichen Züchtern als aller Züchtung letzter Schluss gepriesen.

Sinn und Zweck der Linienzucht ist, „Blutlinien" aufzubauen. Fußend auf der irrigen Ansicht der Blutanteile, soll das Blut hervorragender Ausgangsvögel in der Nachzucht gehäuft und stabilisiert werden. Es handelt sich im Prinzip also um eine Verdrängungskreuzung. Voraussetzung für eine jede Linienzucht ist, dass Ausgangstiere von höchster Rassigkeit (Gesangsleistung, Vitalität) zur Verfügung stehen.

Die Linienzucht bezweckt in der Hauptsache eine sinngemäße Häufung und wieder Auflockerung der „Blutsanteile" zweier Ausgangstiere. Hierbei kommt es nicht zuletzt darauf an, engste, besonders Geschwisterpaarungen zu vermeiden. Die Linienzucht beruht auf der, heute als falsch erkannten Ansicht, dass sich ein Tier in seiner Gesamtheit auf seine Nachkommen überträgt.

Ein auf den Erkenntnissen der neuen Vererbungsforschung beruhendes Zuchtverfahren, wird immer berücksichtigen, dass jedes Merkmal in der Vererbung seinen eigenen Weg geht, wobei allerdings Anlagen die im gleichen Chromosomen liegen, auch immer zusammen vererbt werden. Eins der zwingenden Erkenntnisse ist, dass bei einer Neueinstellung eine Zuchthahnes in einen Stamm das Urteil über Erfolg oder Misserfolg nie aus der ersten Nachzucht zu beurteilen ist. Hier sind grundsätzlich die Enkel abzuwarten, welche fast immer die klarsten Ergebnisse bringen, wenn man dieselben aus der Geschwisterpaarung der ersten Generation zog. Hierbei aber, bei dem Wort Geschwisterpaarung, fährt einem großen Teil unserer Züchter der Schreck in sämtliche Glieder. Fest steht, dass man mit ihr am schnellsten zur Festigung bestimmter Merkmale gelangt und auch mit ihr die Ausmerzung unerwünschter Anlagen am einfachsten vornimmt. Doch die Abneigung gegen die Geschwisterpaarung besteht nun einmal.

Für die Linienzucht gilt:

  • nur gesunde, gesanglich einwandfreie fehlerfreie Vögel verwenden,
  • Weibchen aus Inzucht haben bezüglich des Gesanges eine starke Vererbungskraft.
  • Wie haben unsere Vorfahren gezüchtet?

    Wilhelm Trute:

    W. Trute hatte einen Zuchtstamm von 4,12 Kanarien. Er hielt ständig ängstlich jede fremde Bluteinkreuzung fern und hat niemals etwas dazugekauft.

    Kanaria 1914 Leipzig:

    Der bekannte und erfolgreiche Züchter Lehmann aus Leipzig hat sich einen Stamm aus einem Weibchen und vier Hähnen aufgebaut. Er hat nie neues Blut (weder Hähne noch Weibchen) seit 1903, also seit 11 Jahren, eingekreuzt. Wer mit 3 Hähnen und 9 Weibchen züchtet hat es niemals nötig, Vögel hinzuzukaufen. Mit 3,9 aufwärts geht die nahe Verwandtschaft immer mehr zurück. Wer nur mit 1,3 züchtet kann dies 10 Jahre ohne Gefahr tun.

    Zucht mit 1 Hahn + Weibchen Nr. 1 + Weibchen Nr. 2:

    • 1. Jahr: Hahn an beide Weibchen paaren.
    • 2. Jahr: Hahn an alte Weibchen + an eine Tochter von Weibchen 2 paaren
    • 3. Jahr: alten Hahn verkaufen, Sohn von Weibchen 2 an Weibchen 1 und an Weibchen 2 und an Stiefcousine von Weibchen 1 paaren.
    • 4. Jahr: Papas Sohn an Stiefcousine von Weibchen 1 und an 2 Stiefcousinen von Weibchen 2 paaren.
    • 5. Jahr: Papas Sohn verkaufen, den Stiefcousen von Weibchen 1 an die Stiefcousinen von Weibchen 2 und an eine Tochter dieser Stiefcousinen anpaaren.

    Aufbau eines Gesangsstammes nach G. Gorges:

    Bei Tieren unbekannter Herkunft ist die kreuzweise Verpaarung anzuwenden:

    • 1. Jahr: Jeden Hahn an jedes Weibchen und den Gesang der Nachkommen bewerten,
    • 2. Jahr: Tiere mit guten Hohlrollen an Tiere mit guten Knorren paaren, Söhne an Mütter, Väter an Töchter. Die Väter vererben an die Töchter und nicht an die Söhne.

    Da Inzucht auch schaden kann, hier noch einige Betrachtungen zur Inzucht:

    Bei der Züchtung von Vögeln nach einem Rassestandard spielt die Inzucht eine nicht unwesentliche Rolle. Es handelt sich um eine spezifische Form der Reinzucht und bedeutet die Verpaarung von Tieren, die enger miteinander verwandt sind als der Durchschnitt aller Individuen einer Rasse oder Population. Ein ingezüchtetes Tier ist dadurch gekennzeichnet, dass es in der väterlichen und in der mütterlichen Abstammungsreihe einen oder mehrere gemeinsame Ahnen hat. Je weiter dieser gemeinsame Vorfahre in der Ahnengeneration zurückliegt, desto geringer ist die Inzucht. Ursprünglich ist der Grad der Inzucht in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsverhältnis der gepaarten Vögel differenziert worden. Man unterschied

  • Inzestzucht (erster bis zweiter Verwandtschaftsgrad)
  • Enge Inzucht (dritter bis vierter Verwandtschaftsgrad)
  • Mäßige Inzucht (fünfter bis sechster Verwandtschaftsgrad)
  • Lose Inzucht (siebenter und entfernterer Verwandtschaftsgrad)
  • Aus der Tabelle ist die Abstufung des Inzuchtgrades in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsverhältnis der Paarungspartner ersichtlich. Inzucht liegt nach dieser Information vor, wenn der Verwandtschaftskoeffizient der angepaarten Vögel mindestens 0,1 beträgt. War das nicht der Fall, sprach man von Verwandtschaftszucht, beispielsweise bei der Verpaarung von Halbgeschwistern.

    Abstufung der Inzucht nach Verwandtschaftskoeffizienten

    Bezeichnung Paarungspartner Verwandschaftskoeffizient zwischen den Paarungspartnern
    Inzestzucht Vollgeschwister

    Eltern X Kinder

    Großeltern X Enkel

    0,5 und größer
    Enge Inzucht Halbgeschwister

    Vetter X Base

    Onkel X Nichte

    Tante X Neffe

    0,25 – 0,49
    Mäßige Inzucht Vollgeschwisterkinder

    Vetter X Base ( 2. Grades)

    Großonkel X Nichte (2. Grades)

    0,10 - 0,24
    Verwandtschafts-

    Zucht

    Lose Inzucht

    Halbgeschwisterkinder,

    Paarungen zwischen zurückliegenden Graden, welche noch enger miteinander verwandt sind als durchschnittlich die Individuen der betreffenden Population.

    unter 0,10

     

    Stärke der Inzucht

    Heute wird die Stärke der Inzucht in der Nutztierzucht allgemein mit dem Inzuchtkoeffizienten ausgedrückt. Er ist ein Maßstab für die Abnahme der Heterozygotie (Spalterbigkeit) und damit Zunahme der Homozygotie (Erbreinheit) im Erbanlagenbestand eines Tieres nach Verwandtschaftspaarung im Vergleich zur Ahnengeneration.

    Der Inzuchtkoeffizient wird nach einer mathematischen Formel anhand des Abstammungsnachweises der Individuen berechnet. Er besagt, dass auf Grund der Verwandtschaftspaarung der Heterozygotiegrad bei den Nachkommen um den angegebenen Prozentsatz gegenüber der Ausgangspopulation abgenommen hat. Von Inzestpopulation spricht man erst dann, wenn der Inzuchtkoeffizient mindestens 37,5 % beträgt. Dieser Grenzwert kann unter anderem durch zweimalige Vollgeschwisterpaarung bzw. Rückkreuzung auf einen nichtingezüchteten Elternteil oder vielmalige Halbgeschwisterpaarung erreicht werden.

    Entwicklung des Inzuchtkoeffizienten bei verschiedenen Paarungssystemen

    Generation Vollgeschwister-

    paarung

    Halbgeschwister-

    paarung

    Wiederholte Rückkreuzung zu einem Elternteil, der selbst nicht ingezüchtet ist
    0 0 0 0
    1 0,250 0,125 0,250
    2 0,375 0,219 0,370
    3 0,500 0,304 0,434
    4 0,594 0,380 0,469
    5 0,672 0,449 0,484
    10 0,886 0,662 0,499
    15 0,961 0,829  
    Unendlich 1,000 1,000  

    Inzuchtkoeffizient (Koeffizient für abnehmende Heterozygotie) bei weiteren Paarungskombinationen:

    Paarungskombination Inzuchtkoeffizient der Nachkommen
    Selbstbefruchtung (bei Pflanzen) 0,50
    Eltern X Kinder 0,25
    Vollgeschwister 0,25
    Halbgeschwister 0,125
    Vetter X Base 0,0625

    In der Nutztierzucht (z.B. Hühner) sind Inzuchtversuche wiederholt und auch über zahlreiche Generationen durchgeführt worden. Dabei war es zunächst Anliegen, Auswirkungen dieser Zuchtmethode auf die Leistungsfähigkeit der Tiere zu studieren. Später stand die Kreuzung von Inzuchtlinien zur Auslösung von Heterosiseffekten im Vordergrund. Wirkungen und Folgen von Inzuchtpaarungen, die stets auf eine Häufung herkunftsgleicher Gene zurückzuführen sind, lassen sich nicht im Voraus berechnen, sondern können nur im Züchtungsexperiment ermittelt werden. Enge und auch über mehrere Generationen erfolgende geringgradige Inzucht führt in der Regel zu:

  • Minderung der Vitalität und Konstitutionsschwäche (Inzuchtdepression)
  • Zunahme der Homozygotie
  • Genotypischer Differenzierung des Ausgangsmaterials, indem einerseits genetisch in sich einheitlichere Familien oder Linien als Untergruppen der Rasse entstehen, andererseits zwischen den Familien und Linien eine geringere Verwandtschaft als bei gewöhnlicher Rassereinzucht zustande kommt.
  • Negative Auswirkungen der Inzucht

    Es gilt zu beachten, dass die mit steigendem Inzuchtkoeffizienten verbundene zunehmende genetische Einheitlichkeit häufig mit wachsender phänotypischer Unausgeglichenheit der Individuen verbunden ist. Verursacht wird diese anscheinend widersprüchliche Tatsache durch inzuchtbedingte Genverarmung, die das physiologische Puffervermögen der Tiere auf Umwelteinflüsse verringert.

    Die Höhe der Leistungsminderung durch Inzucht ist bei den einzelnen Merkmalen differenziert und wesentlich von deren Heritabilität (Erblichkeitsgrad) abhängig. Besonders negativ betroffen sind Eigenschaften mit geringer Heritabilität wie Schlupffähigkeit, Legeleistung und Fitness, während Merkmale mit hoher Heritabilität wie Einzeleimasse und Körpermasse sich nur gering verändern.

    Die Höhe der Schädigung nimmt gewöhnlich mit dem Grad der Inzucht zu. Des weiteren ist das Ausmaß von Inzuchtdepressionen abhängig von der Wirkungsweise der Gene.

    Als Ursachen der Inzuchtdepressionen und Inzuchtschäden werden betrachtet:

    • Zunahme homozygoter Genpaare und damit Verminderung der allgemeinen Lebenskraft
    • Veränderung der Genkombinationen zwischen verschiedenen Genpaaren
    • Anhäufung schädlicher rezessiver Gene, die bei Homozygotie letal (tödlich) oder subletal (schädigend) wirken können. In der Harzer Roller Zucht sind keine Letalfaktoren bekannt, wohl aber z.B. in der Hauben-Kanarienzucht. Bei der Verpaarung Haube X Haube führt die doppelte Anlage für Haubenbildung zum Tode, das betrifft 25 % der Nachzucht. Die überlebenden Haubenköpfe (50 %) sind spalterbig und die anderen 25 % der Nachzucht haben keinen Hubenfaktor.

    Die negativen Auswirkungen der Inzucht verdeutlichen, dass eine planlose Verwandtschaftszucht nicht erfolgreich sein kann und zur Beeinträchtigung der Leistungen und weiterer Eigenschaften führen muss.

    Vorteile der Inzucht:

    Demgegenüber ist jedoch eine zielgerichtete, planmäßig betriebene und mit intensiver Selektion verknüpfte Anwendung der Inzucht das wirksamste Mittel, erwünschte Erbanlagen in einem Stamm zu festigen. Das ist auch selbst dann der Fall, wenn der Nutzwert der ingezüchteten Tiere sinkt, denn ihr hoher Zuchtwert bedingt Nachkommen mit bester Leistungsveranlagung. Derartige Zuchttiere haben für den Aufbau von Stämmen, Familien und Linien eine große Bedeutung. Letztlich lassen sich alle Haustierrassen und Herkünfte auf Inzuchtpaarungen zurückführen.

    Verallgemeinernd kann festgestellt werden, dass die Inzucht das wirksamste Mittel ist, um unerwünschte rezessive Gene zu erkennen und zu eliminieren sowie die geeignetste Methode zur Erhöhung und zur Stabilisierung der Erbsicherheit. Insbesondere bei Merkmalen mit niedriger Heritabilität führt die Bildung differenzierter auf Inzucht beruhender Familien oder Linien innerhalb einer Population aber auch zu besseren Selektionsmöglichkeiten.

    In der Hand eines erfahrenen Züchters ist also die Inzucht ein geeignetes Mittel zur Festigung von Merkmalsausprägungen und der Kontrolle auf das Vorhandensein rezessiver Gene. Vorraussetzung ist das gewissenhafte Führen eines Zuchtbuches über mehrere Jahre mit Abstammungsnachweis zusammen mit den Bewertungsbögen für die Beurteilung der Gesangsleistungen.


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