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Bewertung des Harzer Rollers - Zur 90-Punkte-Grenze -
von Hans Riegler, Gotha
(aus Vogelfreund Heft 5 / 2003 Seite 19)
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Als Gesangszüchter habe ich mit sehr viel Interesse die bereits im VF 1 / 2000 erschienenen Betrachtungen des Prr. Adolf F. Zager zum DKB Bewertungssystem der Harzer Roller sowie die weiteren Veröffentlichungen dazu verfolgt. Mit Bedauern stelle ich jedoch fest, dass die Aufhebung der 90-Punkte-Grenze in den zuständigen Fachgremien noch immer kein Thema zu sein scheint und möchte deshalb hier wie folgt dazu Stellung nehmen:
Tatsächlich ist zunächst festzustellen, dass sich von den 5.318 ausgezählten Hähnen mit 665 Vögeln die größte Stückzahl bei 85 Punkten und damit am Mittelwert einordnet. Unterhalb der 85 Punkte habe ich 2.325, oberhalb davon 2.328 Hähne ausgezählt, was ziemlich exakt den Gesetzmäßigkeiten nach Gauß entspricht. Dabei verteilen sich die 2.325 Vögel unterhalb des Durchschnittswertes auf die Punkte 84 bis 71 abwärts, wobei die Zahl der Hähne im unteren Bereich dem natürlichen Verlauf der Glockenkurve entsprechend allmählich gegen Null ausläuft (71-Punkte-Vögel gab es in 3 der 6 untersuchten Jahre überhaupt nicht). Die 2.328 Hähne oberhalb des Durchschnittswertes werden allerdings auf die Punkte 86 bis 90 zusammengedrängt, wobei in den sechs untersuchten Jahren immerhin 377 Vögel mit 89 und 289 Vögel mit 90 Punkten bewertet wurden. Von einem allmählichen Auslaufen der Kurve kann oberhalb des Durchschnittswertes also keine Rede sein. Mit der 90-Punkte-Grenze wird ihr weiterer gesetzmäßiger Verlauf abgeschnitten. Daraus ist zwingend zu schlussfolgern, dass ein Teil der Vögel mit mehr als 90 Punkten hätte eingestuft werden müssen. Mit den hier vorgetragenen Fakten ist nach meiner Auffassung hinreichend belegt, dass die 90-Punkte-Grenze unhaltbar geworden ist. Meine Stellungnahme ist ausdrücklich nicht gegen das Bewertungssystem an sich gerichtet und soll erst recht nicht als Kritik an der Arbeit der Preisrichter verstanden werden, die ja gar nicht anders bewerten können. Als Tierzüchter, der ein Berufsleben lang selbst Tiere beurteilt, gekört oder als Preisrichter auf Landwirtschaftsschauen bewertet hat, kann ich allerdings nicht verstehen, dass sich die Preisrichter nicht gegen die Bewertungsgrenze auflehnen, die ihre Arbeit regelrecht behindert. Der Meinung des Preisrichters Heinrich Popper, dass das Bewertungssystem hervorragend ist und dass deshalb daran festgehalten werden sollte, ist ja nicht zu widersprechen. Nur ist nach 80 Jahren Weiterentwicklung des Gesanges die Begrenzung bei 90 Punkten unsinnig geworden. Die offenbar diskutierte Reduzierung der Punkte für den Gesamteindruck würde das Übel zweifellos etwas abmildern, würde aber mit Blick auf die Zukunft nicht gerade von Weitsicht zeugen. Warum also nicht die Anpassung in der Form vornehmen, dass 100 Punkte als Grenze festgelegt werden? Man könnte doch an dem bewährten System festhalten und die einzige „Änderung" zur bisherigen Praxis wäre, dass die Preisrichter auch bei den Spitzenvögeln alles schreiben können was sie hören und was diese Vögel verdienen. Dass damit eine Angleichung an die Fachgruppe FPMCE und an die begrüßenswerten Tendenzen im Ausland erfolgte, wäre ja nicht als Nachteil zu betrachten. Dort ist man nach den Ausführungen von Zfrd. Willem D. Knees im VF 6 / 2000 schon längst nicht mehr mit der Bewertungsgrenze im Ursprungsland Deutschland einverstanden und auch der Zfrd. Zager berichtet von der dreijährigen Probierphase mit 100 Punkten ab 1992 in der COM.
Erwähnt wurde meines Wissens bisher allerdings noch in keiner Veröffentlichung, dass in der früheren DDR von 1982 bis zur Wende bereits nach einem Bewertungssystem mit 100 Punkten gerichtet wurde, wenn dieses auch noch einige andere Änderungen beinhaltete. Hier hat es sich keineswegs nur um eine Probierphase oder um ein kleines Probierfeld gehandelt, die Basis war vielmehr eine traditionsreiche und qualitativ hochstehende Gesangszucht mit mehr als 400 Gesangszüchtern im gesamten östlichen Teil Deutschlands. Es war auch nicht politisch verordnet, sondern das Ergebnis einer mehrheitlichen Entscheidung in dem zuständigen Fachgremium nach jahrelanger gründlicher Diskussion durch die besten Kenner des Liedes des Harzer Rollers in der damaligen DDR. Leider waren deren Erfahrungen nach der Wiedervereinigung nicht gefragt, fast alle hatten schließlich langjährig sowohl nach dem alten wie dem neuen Bewertungssystem gerichtet.
Stattdessen wurde nach den Vorgaben des damaligen Vorsitzenden der Preisrichtervereinigung Gesang, Herrn Dr. Velleuer, die Qualifikation dieser Gesangspreisrichter generell in Frage gestellt und so in der Konsequenz, von Ausnahmen abgesehen, auf deren Mitarbeit als Preisrichter im DKB verzichtet. Man könnte das angesichts der Tatsache, dass lt. Einigungsvertrag alle Qualifikationen in der früheren DDR bis hin zum Hochschulabschluss anerkannt wurden, als Groteske abtun, wenn es der Gesangskanarienzucht insgesamt nicht so geschadet hätte. (Siehe auch Beteiligung der ostdeutschen Gesangskanarienzüchter an den Aktivitäten des DKB).
Abschließend sei angemerkt, dass ich mit meinen Ausführungen die Meinung der Mehrheit der Gesangszüchter Thüringens vertrete, die sich nicht mit der Rückkehr zu der in ihrem Bereich schon vor zwei Jahrzehnten abgeschafften überholten 90-Punkte-Grenze abfinden können und werden, weil es auch nicht einen einzigen sachlichen und fachlichen Grund für das Festhalten an dieser Grenze gibt.
Ergänzende Anmerkungen von H. Hucke zum Begriff "Glockenkurve" nach dem Mathematiker Carl Friedrich Gauß (1777 - 1855)
Einige stetige Zufallsvariablen sind in ihrem mittleren Bereich annähernd glockenförmig verteilt. Ihre Dichte kann durch eine Gleichung dargestellt werden.
In dieser Abb. sind drei Glockenkurven mit den Parametern a = (1 ; 0,7; 2) und b = (1; 1/3; 1/3 ) dargestellt
Auf unserem früheren 10-DM-Schein war neben dem Bild von Gauß eine Glockenkurve der Normalverteilung abgebildet.
Diese Normalverteilung ist für die Statistik von entscheidender Bedeutung, da die Summe von vielen unabhängigen, beliebig verteilten Zufallsvarianten annähernd normal verteilt ist. Je größer die Anzahl der Zufallsvariablen ist, desto besser ist die Annäherung an die Normalverteilung (Zentraler Grenzwertsatz).
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