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| Geschichte der Gesangskanarienrasse Harzer Roller
und seiner organisierten Züchtung
Entstehung der Rasse im Harz
Wirtschaftsfaktor Harzer Roller
Entstehung der Kanarienzuchtvereine
Organisierte Zucht und Bewertung
Kanarienzuchtorganisationen von 1933 bis 1945
Organisierte Kanarienzucht in Westdeutschland ab 1945
Organisierte Kanarienzucht in Ostdeutschland ab 1945
Die Harzer Interessengemeinschaft der Gesangskanarienzüchter (HIG)
Unaufhaltsamer Untergang des Kulturerbes Harzer Roller
Wiederentdeckung einer Tradition in St. Andreasberg
Entstehung der Rasse im Harz
Der Kanarienvogel wurde durch Imster Bergleute mit nach St. Andreasberg in den Harz gebracht. Um 1822 wurde Imst durch eine Brandkatastrophe größtenteils vernichtet. Die in Imst ansässigen Kanarienzuchten wurden stark dezimiert. Da es in Imst durch Erschöpfung der Silberadern immer weniger Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten gab, wanderten viele Bergleute ab. Sie fanden im Harz, wo sich gerade neuer Silberbergbau entwickelte, für sich eine neue Heimat. Viele Bergleute waren Kanarienzüchter und begannen mit den ihnen verbliebenen Zuchttieren im Harz eine neue Zucht aufzubauen. Auch die einheimische Bevölkerung in und um St. Andreasberg begann sich für die Kanarienzucht zu interessieren. St. Andreasberg entwickelte sich zu einem Zentrum und einer Hochburg der Kanarienzucht. Zunächst wurde der Kanarienvogel in großer Anzahl gezüchtet, ohne die gesangliche Qualität besonders zu berücksichtigen. Bald aber erkannte man, dass für einen tief rollenden Hahn ein höherer Preis erzielt werden konnte, weil er offensichtlich für das menschliche Ohr angenehmer klang. Es wurde dazu übergegangen einen Vogel zu züchten, bei dem auf die rollenden Touren des Gesangs besonderer Wert gelegt wurde. Der Begriff „Harzer Roller" hat hier seinen Ursprung. Es entstand der kultivierte Gesangskanarienvogel, die Rasse Harzer Roller. Die Harzer Roller Zucht im Oberharz zwischen Lautenthal und Sankt Andreasberg erlangte in der Mitte des 19. Jahrhunderts weltweite Berühmtheit. Es bildeten sich Züchterzentren in Innsbruck, Nürnberg, Augsburg, Berlin, in der Pfalz, im Rheinland in Westfalen, in Hamburg und nicht zuletzt in Schlesien und Thüringen.
Wirtschaftsfaktor Harzer Roller
Vogelhändler bereisten mit einem Reff, mit den von Kanarienzüchtern aufgekauften Harzer Vögeln, ganz Europa. Das leichte Tragegestell wurde auf dem Rücken getragen. Mit ihm konnte man 160 bis 170 kleine Käfige (Harzer Bauer), welche mit einer Leinwand umhüllt wurden, transportieren. Auf diese Weise wurden Harzer Roller bis an den Hof des russischen Zaren nach St. Petersburg getragen. Ab 1842 wurden Kanarienvögel vom Harz in die USA exportiert. Der Absatz stieg bis 1860 bereits auf 15.000 pro Jahr. 1873 berichtete der Exporteur Karl Reiche über den Export von 130.000 Kanarienhähnen. 1882 wurden 120.000 Kanarienvögel nur nach New York transportiert. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte die Harzer Zucht ihren Höhepunkt: Über eine Million Harzer Roller wurden exportiert. Es entstanden Vertriebsgesellschaften, die sich darauf spezialisiert hatten, den Harzer Roller nach Amerika, Russland, Japan, Australien und sogar China zu exportieren. 1866 wurde in St. Petersburg eine Verkaufszentrale eingerichtet, in der nur Harzer Roller verkauft wurden. Bei der hohen Zahl der gezüchteten Vögel vor und um die Jahrhundertwende, war die Kanarienzucht besonders im Harz ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, zumal viele Handwerker zusätzlich, meist im Nebenerwerb, Vogelkäfige und Zuchtbedarf fertigten. Ganze Familien beteiligten sich auch in Heimarbeit an dieser Herstellung. Noch heute ist mit der Bezeichnung Harzer Bauer ein bestimmter Käfig gemeint.
Entstehung der Kanarienzuchtvereine
Die ersten Vereine Gleichgesinnter Züchter wurden um das Jahr 1870 gegründet. Im Jahre 1872 veröffentlichte Karl Ruß die erste Zeitschrift für den Kanarienzüchter. Um 1885 gab es in Deutschland schon etwa 200 Kanarienzuchtvereine, von denen heute noch einige bestehen. 1890 gab es bereite 20 regelmäßig erscheinende Zeitungen, welche sich mit der Zucht und dem Gesang des Kanarienvogels beschäftigten. 1890 entstanden große Kanarienzüchterorganisationen wie der deutsche „Weltbund" und der „Verein Deutscher Kanarienzüchter"
Organisierte Zucht und Bewertung
Als erste Zucht- und Preisrichter müssen die damaligen Vogelhändler angesehen werden. Sie waren exzellente Kenner des Kanarienliedes. Die Vögel wurden mehr und mehr nach der Tiefe und Reinheit des Gesangs mit einer Bevorzugung der rollenden Touren beurteilt. Letzten Endes bestimmte die Qualität des Gesangs den Preis, welche der Händler an den Züchter zahlte. Dabei festigte sich die Herauszüchtung der Rasse Harzer Roller. Es gelang, die rollenden Touren in das Erbgut des Kanarienvogels hinein zu züchten. Die Pioniere des heutigen Harzer Roller waren die Züchter Wilhelm Trute und Heinrich Seifert aus St. Andreasberg und Peter Erntges aus Elberfeld. Ihre Vögel waren sehr begehrt und sind die Vorfahren der meisten heutigen Gesangszuchten. Mit der Einführung der geschlossenen Fußringe, ca. 1880, ergab sich die Möglichkeit, mit Hilfe eines Zuchtbuches die Zuchten genau zu kontrollieren und bei Ausstellungen den Nachweis über den Züchter und das Geburtsjahr zu erbringen. Der Fußring wird dem Jungvogel bis zu einem Alter von 6 Tagen über den Fuß geschoben und kann nach Abschluss des Wachstums nicht unzerstört entfernt werden. Es kamen auch die ersten Preisrichter auf. Preisrichter hatten die Aufgabe, bei den Prämierungen die Rangfolge und Güte der ausgestellten Vögel festzustellen. Um die Neutralität bei den Bewertungen zu garantieren durfte ihnen die Herkunft der zu prämierenden Hähne nicht bekannt sein. Gleichzeitig wurde die Entwicklung eines einheitlichen Bewertungssystems für den Harzer Roller Gesang eingeleitet. Jeder große Verband hatte aber zunächst noch seine eigenen Bewertungssysteme. 1909 wurde in Stuttgart das von Dr. Wolff und fachkundigen Züchtern des „Weltbundes" entwickelte Prämierungssystem, das für die Einzeltourenbewertung bestimmte Grundsätze vorschrieb und die Tourenbewertung in einen systematischen Zusammenhang stellte, zur Grundlage der Bewertung und zur Grundlage der Ausbildung der Preisrichter. Das galt zunächst aber nur für den Weltbund. 1922 wurde in Kassel die für alle Verbände verbindliche „Deutsche Einheitsskala" mit ihrer Richtungsweisenden Dreiteilung, in der Werteinteilungen und Punktzuweisung festgeschrieben sind, auf der Basis des vom Weltbund geschaffenen „Einheitsprämierungssystems" geschaffen. Dieses Bewertungssystem wurde auch vom Ausland übernommen und anerkannt. Im Jahre 1959 wurde das Lied in zwei Tourengruppen, die Werttouren und die Fehltouren unterteilt. Die neun Werttouren – Hohlrolle, Knorre, Wassertour, Hohlklingel, Schockel, Pfeife, Glucke, Klingel und Klingelrolle – werden je nach der vorgetragenen Variation, der Klangfarbe, dem Tonumfang, dem Wohlklang und der Reinheit in drei Stufen bewertet. Das Erkennen und richtige Einstufen der Touren setzt jahrelange Erfahrung und Fachkenntnis in der Zucht voraus.
Entwicklung der Kanarienzuchtorganisationen von 1933 bis 1945
1933 wurden die beiden großen deutschen Kanarienzuchtverbände in die „Reichsfachgruppe Kanarienzüchter e.V." im „Reichsverband Deutscher Kleintierzüchter e.V." zwangsvereinigt. Fortan galt eine für alle Vereine verbindliche Einheitssatzung und das Führerprinzip. Es gab in den Vereinen keine Vorstandswahlen mehr. Der Vereinsvorsitzer wurde bestellt durch den übergeordneten Landesfachgruppenvorsitzer. Dies setzte sich so nach oben fort. Berühmt und berüchtigt ist diese Einheitssatzung noch heute durch den § 7, welcher Juden die Mitgliedschaft in einem Kanarienzüchterverein verwehrte. Im zweiten Weltkrieg und nach der totalen Niederlage bekamen dann andere Dinge als die Kanarienzucht einen höheren Stellenwert und viele Zuchten gingen unter.
Organisierte Kanarienzucht in Westdeutschland ab 1945
1948 wurde in Westdeutschland der „Deutsche Kanarienzüchter-Bund" (DKB) gegründet.
Organisierte Kanarienzucht in Ostdeutschland ab 1945
In Ostdeutschland entstand 1952 innerhalb des Verbands der Kleingärtner und Kleintierzüchter (VKSK) die Spezialzuchtgemeinschaft (SZG) Kanarien. 1989 lösten sich in der DDR nicht nur der VKSK sondern auch viele Vereine auf. Die verbliebenen Kanarienzüchter traten mangels einer anderen Alternative in den DKB ein. Heute werden durch die Nachfolgeorganisation der Vereinigung Ziergeflügel und Exoten e.V., die Vereinigung für Zucht und Erhaltung einheimischer und fremdländischer Vögel e.V. (VZE) auch wieder Harzer Roller Gesangskanarienzüchter betreut. Siehe hierzu auch : Die Geschichte der SZG Kanarien in Ostdeutschland
Die Harzer Interessengemeinschaft der Gesangskanarienzüchter (HIG)
Der Gründung der Harzer Interessengemeinschaft lag die Idee zugrunde, einen Zusammenschluss aller Kanarienzuchtvereine im Harz herbeizuführen und jährlich eine Harzmeisterschaft auszutragen. Die Harzer Interessengemeinschaft wurde so am 03. 04. 1966 im Harz, in der Stadt Herzberg, von Gesangskanarienzüchtern aus dem Harz gegründet. Die Prämierung der jährlichen Harzmeisterschaft, welche in St. Andreasberg ausgetragen wird, wird nach den Richtlinien des Deutschen Kanarien- und Vogelzüchterbundes (DKB) durchgeführt. Jährlich finden eine Frühjahrstagung am zweiten Samstag im April, sowie eine Herbsttagung am zweiten Samstag im September statt. Mitglied in der HIG kann werden, wer im Harz wohnt, oder im erweiterten Einzugsgebiet, in einem in den Harz hineinragenden Bundesländer, in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen.
Unaufhaltsamer Untergang des Kulturerbes Harzer Roller
Durch den Deutschen Kanarienzüchterbund wurden in Westdeutschland im Jahr 1965 noch 5.576 Gesangskanarienzüchter in der Fachgruppe Gesangskanarien des DKB betreut. Bis 1975 verringerte sich die Anzahl der Züchter auf 3.800. In Ostdeutschland (DDR) gab es 1985 noch 425 Gesangskanarienzüchter. Ein Rest von 106 ostdeutschen Züchtern trat 1989 dem DKB bei.
Übersicht über den Rückgang der Mitgliederzahlen der Züchter von Harzer Rollern:
Die Mitgliederzahlen werden jährlich in der DKB Fachzeitschrift „Der Vogelfreund" anhand der DKB Zuweisungen veröffentlicht. Dreiviertel aller Harzer Roller Züchter ist älter als 70 Jahre. Unter 60 Jahre alt sind nur noch wenige. Im Jahr 2008 ist die Zahl der Gesangskanarienzüchter in Deutschland gegenüber 1991 um mehr als 66 % zurückgegangen.
Seit dem Jahr 2005 werden in der VZE (Vereinigung für Zucht und Erhaltung einheimischer und fremdländischer Vögel e. V.) durch Harzer Roller Züchter neben den traditionellen Harzer Gesangskanarien auch zunehmend Farben-Gesangskanarien in den Farben grün, weiß, opal, rot, mosaik u.a. Farben sowie Deutsche Hauben Gesangskanarien gezüchtet. Auch im DKB hat sich dazu eine Interessengemeinschaft gegründet. Bei Prämierungen von Farben-Gesangskanarien wird der Harzer Roller Gesang und die Farbe bzw. Positur getrennt bewertet und zum Schluss zusammen addiert. Damit soll der rückläufigen Entwicklung der Harzer Roller Zucht entgegengewirkt werden. Im Unterschied zum DKB, werden in der VZE allerdings die Harzer Roller nach einem modernisierten Bewertungssystem prämiert, in welchem die veraltete 90 Punktegrenze abgeschafft wurde. Es bestehen zwischen beiden Verbänden auch unterschiedliche Wege und Zuchtziele bei der Herauszüchtung von Harzer Rollern in Farbe (Farben-Gesangskanarien), bzw. von Farbkanarien mit Harzer Roller Gesang (Gesangsfarbenkanarien) . Das Zuchtziel beim DKB besteht darin, den Harzer Roller Gesang in die Farbenzucht zu übertragen und dabei den Typ der jetzigen Farbenkanarien, welcher vom Harzer Roller abweicht, zu erhalten.. Praktizierbar ist aber nur der umgekehrte Weg, nämlich durch Verdrängungskreuzung die verschiedenen Farben (z. Bsp. rot), in die Gesangskanarienzuchten hinein zu züchten. Der Typ (die Figur) des Harzer Rollers bleibt dabei aber erhalten.
Wiederentdeckung einer Tradition in St. Andreasberg
Nachdem die Stadt St. Andreasberg über Jahre hinweg die Tradition der Harzer Roller Zucht in St. Andreasberg in Vergessenheit geraten ließ, hat sie diese ab dem Jahr 1999 als Möglichkeit zur Belebung des Fremdenverkehrs und der Touristik in der Stadt wieder entdeckt.
Gedenkstätte für Wilhelm Trute
Am 22. Mai 1999 wurde in St. Andreasberg eine Gedenkstätte für den weltbekannten Andreasberger Altmeister und Begründer der Harzer Roller Zucht, den Bergmann Wilhelm Trute, welcher am 05. März 1836 in St. Andreasberg geboren wurde und am 20. Oktober 1889 verstorben ist, feierlich durch den Stadtdirektor eingeweiht. Vorausgegangen war, dass am 04. Juli 1998 eine Gruppe von Harzer Roller Züchtern, bei einem Besuch in St. Andreasberg, das Grab des weltberühmten Sohnes der Stadt nicht mehr auffinden konnte und darüber sehr enttäuscht war. Wilhelm Trute war in St. Andreasberg schlicht in Vergessenheit geraten. Die Verantwortlichen der Stadt St. Andreasberg erhielten hier den Anstoß für die Errichtung einer Gedenkstätte für Wilhelm Trute. Das Denkmal zu Ehren Wilhelm Trute ist etwa 2,5 X 5 m groß und 2,5 m hoch. Es stellt einen Harzer Gesangsbauer dar. Eine Stahlschüssel aus einem früheren Silberbergwerk von ca. 2 m Durchmesser und mit Blumen bepflanzt schmückt das Innere des Käfigbodens. Vor dem Gesangsbauer liegt ein sehr großer Findling, auf dem eine Bronzeplakette eingearbeitet ist.
Harzer Roller Nostalgie-Schau
Die Harzer Roller Züchter im DKB veranstalteten am 20./21. Mai 2000 in der St. Andreasberger Rathausscheune eine Harzer Roller Nostalgie-Schau unter der Schirmherrschaft des Stadtdirektors und des Kreisheimatpflegers der Stadt St. Andreasberg. Hier wurde auch die Idee für die Gründung eines Harzer Roller Museums in St. Andreasberg geboren.
Harzer Roller Museum
Auf Betreiben von Harzer Roller Züchtern wurde in St. Andreasberg, im Obergeschoß des Gaipels des Bergwerksmuseum der Grube Samson, im Jahr 2001 ein Harzer Roller Museum eingerichtet. Zu der Eröffnung des Museums konnten Gäste aus aller Welt begrüßt werden.
Förderkreis Harzer Roller Museum
Durch Züchter aus ganz Deutschland wurde ein „Förderkreis Harzer-Roller-Kanarien-Museum" gegründet. Der Förderkreis führt jährlich in St. Andreasberg eine Hauptversammlung durch und hat ca. 125 Mitglieder. Zweck des Vereins ist die Pflege und Erhaltung von historischen Sammlungen im Museum, Beratung, Belehrung und Betreuung der Interessenten des Museums in Wort und Bild, Beschaffung von Fachliteratur, sowie die Verbreitung der Erkenntnisse aus der Harzer-Roller-Kanarien-Geschichte durch Förderung von Referaten und Vorträgen.
Literatur :
Kanaria Kalender 1940/1941 Fachzeitschrift „Kanarienfreund" Jahrgänge 1991 bis 1995 Fachzeitschrift „Der Vogelfreund" Jahrgänge 1996 bis 2008 Gesangskanarien, Handbuch über die Zucht und Standard der edlen Kanariensänger |
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