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Historisches über die Gesangskanarienzucht aus dem Eichsfeld

 

(am Beispiel der Gemeinde Kallmerode)

 

In der Eichsfeldgemeinde Kallmerode wurde unlängst ein Denkmal für Gesangskanarienzüchter eingeweiht. Dieses wohl sicher selten vorkommende Ereignis ist es wert, auch auf dieser Homepage erwähnt zu werden:

In der Eichsfeldgemeinde Kallmerode stand im Mittelpunkt der Neueinweihung des Angers, nach dessen umfangreicher Rekonstruktion, die Enthüllung einer Bronzefigur, die einen Kallmeröder Kanarienzüchter und Vogelhändler in der historischen Eichsfelder Tracht darstellt, welcher ein so genanntes Tragreff mit Kanarienvögeln auf dem Rücken trägt.

Der zu Füßen der Figur sitzende Kuckuck weist auf den Spitznamen des Dorfes hin, den es erhalten hat, weil rund um das am Waldrand des Dün idyllisch liegende Dorf ungewöhnlich viele Kuckucke ihren Ruf im Mai und Juni aus allen Himmelsrichtungen erschallen lassen. Der zweite Spitzname des Dorfes ist wohl sicher eine durch Neid hervorgerufene üble Nachrede. Man behauptet von den seit eh und je „Kuckucks" heißenden Kallmerödern, sie hätten früher, wenn ihnen die Gesangskanarien ausgegangen waren, Spatzen gefangen, gelb angemalt und als Kanarienvögel verkauft .Im Eichsfeld hat jedes Dorf seinen Spottreim. Folgender Spottreim in der Eichsfelder Mundart ist für Kallmerode bekannt:

„Siet dann alle mal gewaest

im Kallmereeder Kuckucksnest ?

Spatzenfärben as hie Mode

bin Schmantkanten in Kallmerode".

Das Eichsfeld war früher als das Armenhaus Deutschlands bekannt. Der karge Muschelkalkboden gab nicht viel her und ernährte nicht die Landbevölkerung. Es musste überall notgedrungener Maßen mit Nebenerwerbstätigkeiten ein Zubrot hinzu verdient werden. Kallmerode wurde so ein Ort der Vogelfänger, Vogelzüchter und Vogelhändler.

Ende des 19. Jahrhunderts, als Millionen von Gesangskanarien von Deutschland nach Amerika ausgeführt wurden, entstanden auch im Eichsfeld bei unzähligen armen Bauern und Landarbeitern Massenzüchtungen als zusätzliche Erwerbsquelle. Die Zucht der Kanarien erfolgte in stallartigen Räumen als Gemeinschaftszucht. Im Vordergrund stand nicht die Qualität des Gesanges, sondern die Menge der Vögel für die Ausfuhr ins Ausland musste es bringen. Es wundert da nicht, dass damals die Gesangsqualität dieser Landkanarien, auch Schappervögel genannt, in keiner Weise an die in Sankt Andreasberg, im Harz, gezüchteten Vögel herankam.

 

Noch um die Jahrhundertwende gab es in der kleinen Eichsfeldgemeinde Kallmerode 32 Vogelhändler und noch mehr Kanarienzüchter. In manchen Häusern wurden keine Kanarien gezüchtet, aber auch hier wurde ein Zubrot durch die Anfertigung der kleinen Harzer Bauern, welche als Transport –und Versandkäfige dienten, dazu verdient. Alle Vogelhändler hatten ihre bestimmten Absatzgebiete, die sie regelmäßig einmal im Jahr aufsuchten. Sie mussten von kräftiger Statur sein und legten unglaubliche Wegstrecken zurück. Das Tragreff mit den kleinen Holzbauern und mit bis zu 200 Vögeln auf dem Rücken, zogen sie wie weiland Mozarts Vogelfänger Papageno und der Vogelhändler von Carl Zeller nicht nur durch ganz Deutschland, sondern auch nach Polen und Russland, Ungarn, Bulgarien und Italien.

 

Bekannt ist der Nachlass – Briefwechsel, Preislisten und Reklame - des 1927 verstorbenen Kallmeröder Züchters und Vogelhändler Heinrich Rödinger, der in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg den Sommer über im Steinbruch arbeitete und daheim Kanarien züchtete. Im November und Dezember schweifte er mit seinen und von anderen Züchtern dazugekauften Vögeln zum vorweihnachtlichen Verkauf in die Ferne. Er meldete sich in den besten Hotels von Leipzig übers damalige Breslau bis Warschau an, in denen er jeweils eine Kammer zum Verkauf der Vögel bestellte.

Diese hatte er in speziellen Versandbauern per Express vorausgeschickt, dazu Werbeplakate mit der Ankündigung „Kanarien aus Kallmerode am Harz". Die besten Sänger dienten als Lockvögel, die am Verkaufstag laut und fröhlich trällerten. So gingen – für bis zu 20 Goldmark das Stück – auch die Luschen bald weg als „echte Harzer Roller", die in Wirklichkeit „echte Kallmeröder vom Eichsfeld" waren. Die Kuckucks waren eben doch listige Schummler!

 

Nach dem zweiten Weltkrieg zogen nur noch die Gebrüder Werkmeister als Vogelhändler über Land. Bis Mitte der 60er Jahre wurden noch Gesangskanarien in guter Qualität in Kallmerode gezüchtet, welche den Namen „Harzer Roller" auch wirklich verdienten. Im ganzen Eichsfeld gibt es heute nur noch ganz wenige Gesangskanarienzüchter, welche sich intensiv mit der Zucht von edlen Harzer Rollern beschäftigen und ihre Vögel an Gesangswettbewerben teilnehmen lassen.

 

Das Holzmodell für die Bronzefigur auf dem Anger fertigte der Hüpstedter Holzbildhauer Heinz Günther an. Nach dem Modell wurde die Bronzefigur von einer Gießerei in Baden – Württemberg erstellt. Die Bronzefigur gibt uns die Möglichkeit, die Geschichte des Gesangskanariensportes für die Nachwelt zu erhalten. Möge dieses Denkmal mit dazu beitragen, dass das deutsche Kulturgut „Harzer Edelroller" in Deutschland nicht völlig zur Geschichte wird.

 
 

Harzer- Roller-Züchter  Denkmal in Kallmerode, Text und Foto Heinrich Hucke

 

 
 

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