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Kanaria

Blätter für Liebhaber feiner Kanarienvögel

 

Ältestes, ausschließlich Kanarienzucht behandelndes Fachblatt, gegr. 1877

 

 Verbandsorgan des Reichseinheitsverbandes Deutscher Kanarienzüchter REVDK -

 

Nr. 44  Leipzig, den 29. Oktober 1935

 

 

Die Homöopathie und ihre Anwendung in der Kanarienzucht

 

von A. Buchner, Frankfurt am Main

I.

Keine Rose ohne Dornen! Wer von euch, liebe Züchterfreunde, hat noch nicht die tiefe Wahrheit dieses Ausspruches erfahren müssen?

Dornen werden uns immer und überall hinderlich im Wege sein, bei jedem Unternehmen mehr oder weniger in Erscheinung treten, wenn wir auch glauben unsere Pläne auf das sorgfältigste erwogen und durchdacht zu haben. Nirgends aber wird sich das Vorhandensein dieser Dornen in solch gehäufter Weise bemerkbar machen, als gerade in unserer Kanarienzucht, in doppelt übler Form bei der reinen Gesangs- oder Farbenzucht.

Jeder Züchter, insbesondere Edelzüchter, auch die klügsten und erfahrensten darunter, werden alljährlich durch mehr oder minder große Verluste in ihrer Nachzucht infolge Krankheit daran gemahnt, dass all unser Wissen nur Stückwerk ist, und dass wir noch weit davon entfernt sind den letzten Schleier vor den Geheimnissen der Natur zu durchdringen. Ich kann mit Bestimmtheit behaupten, dass dieses Übel in allen Züchtereien in Erscheinung tritt; ein Unterschied besteht hierbei nur in dem Grade der unterschiedlichen Wahrheitsliebe der einzelnen Züchter und in der Kunst, den tödlichen Verlauf der Erkrankung unserer Kanarien auf ein möglichstes Minimum zu beschränken. Ich habe mit Vorbedacht hier die Definierung „möglichstes" angewandt, denn es besteht ein sehr wesentlicher Unterschied, ob bei der Bekämpfung und Behandlung von Kanarienkrankheiten alle , bei dem heutigen Stand der Wissenschaft als wirksam bekannten Mittel bis zur Erschöpfung angewandt werden, oder ob man sich hierbei mit den althergebrachten Hausmitteln und Diät in der Futtergabe begnügt.

Mit letzterer Methode wurden gewiss schon öfter Erfolge erzielt, aber es wäre eine schwere Unterlassungsünde, wenn man sich der besseren Einsicht verschließen und über die uns heute zur Verfügung stehenden Heil- und Vorbeugungsmittel ohne ausreichende Prüfung ein absprechendes Urteil fällen wollte. So mancher wirklich wertvolle Kanariensänger oder –Weibchen könnte erhalten und der Zucht dienstbar gemacht werden, wenn man sich nur allgemein dazu verstehen wollte, mit der veralteten Überlieferung zu brechen und einen einmal krank gewesenen Vogel als zur Zucht ungeeignet zu bezeichnen, ohne hierbei die Art und Ursachen der Erkrankung sowie den Verlauf des Heilungsprozesses gebührend zu berücksichtigen.

Alte Überlieferungen haben gewiss manches für sich, und man sollte auch nicht in allen Fällen und ohne gewichtigen Grund davon abgehen.; aber es stünde schlimm um die Menschheit, wenn jeder von uns „Kronen der Schöpfung" für die Erhaltung der Rasse oder Stammeseigenschaften ausgeschaltet wäre, nur weil er in seiner Jugend oder auch im besten Menschenalter einmal eine Krankheit überwinden musste. Es ist ohne weiteres streng Auseinanderzuhalten, ob der Ausbruch einer Erkrankung auf äußere Einwirkungen zurückzuführen, oder als die Folge ererbter Anlagen zu werten ist. Tausende von Menschen wurden schon von furchtbarsten Krankheiten, wie Pocken, Cholera, Typhus usw. geheilt, ohne dass ihre Nachkommen nun gleichfalls von den gleichen Krankheiten befallen wurden oder in ihrer Gesundheitskonstitution benachteiligt waren.

Was nun für den Menschen gilt, das lässt sich in vollem Umfang auch für die meisten Warmblüterarten unter den Tieren anwenden, und es ist für jeden Tierhalter- oder -züchter eine dankbare Aufgabe , durch eine erfolgreiche Krankheitsbehandlung seiner Pflegebefohlenen die Richtigkeit dieser Behauptung unter Beweis zu stellen. Einige nachprüfbare Beispiele aus Tierzuchten sind geeignet, unsere Bemühungen in dieser Richtung anzueifern und mit Aussicht auf Erfolg zu betreiben.

Ossian, der hervorragende Hengst aus der Vollblutzucht der Herren von Weinberg und imponierende Sieger von 16 der größten und schwersten deutschen Vollblutrennen, hat der Siegeslaufbahn eines für unbesiegbar gehaltenen Ordensjäger bei ihrem ersten zusammentreffen ein Ende gesetzt, obwohl er als Zweijähriger kränkelte und erst als Dreijähriger eine Rennbahn betrat. Der Hengst leistet heute der rumänischen Landespferdezucht ganz hervorragende Dienst als Vollblutbeschäler, und seine Nachkommen verdienen mehr als ihren Hafer. Ich selbst habe im Jahre 1929 mit einem nach seiner Selbständigkeit Krankgewordenen Hahn alle Behandlungsversuche angestellt, obwohl solche von alten und erfahrenen Züchtern als aussichtslos bezeichnet und der Tod des Vogels als bevorstehend angesagt wurde. Mit der zuletzt von mir angewendeten homöopathischen Behandlungsweise erzielte ich jedoch nach etwa dreimonatlicher Ausdauer einen Erfolg, und dieser hielt stand, so dass ich den Vogel in der Selbstzuchtklasse ausstellen konnte, wo er von Herrn Döbrich - Hanau a. M. mit 81 Punkten prämiert wurde. Dieser Hahn erwies sich 1930 in der Hecke als überaus wertvoll. Unter seinen 14 Nachkommen befanden sich 8 Hähne die 1930 in zwei Kollektionen zur Ausstellung gelangten. Preisrichter Oskar Voigt konnte notieren: 81, 81, 78, 81 und 81, 63, 66, 87 Punkte. Sechs dieser Vögel standen am 06. Februar 1931 als Lehrvögel im Preisrichterkursus und erregten ob ihrer variationsreichen und markigen Hohl- und Knorrpartien allgemeine Bewunderung, der sich selbst die Preisrichterlehrer Helbing und Jüngst anschlossen. Alle sechs Hähne sowie der einmal krank gewesene Vater derselben wurden 1931 und 1932 , Nr. 16 auch noch 1933 und 1934 , Nr. 45 sogar noch in diesem Jahre erfolgreich in der Hecke verwendet. Von der gesamten Nachzucht dieser Hähne und ihrer Schwestern ist ein einziger Vogel erkrankt und an einer geschwürartigen Entzündung im Schnabel, die leider meiner Aufmerksamkeit entging, im Februar 1935 eingegangen. Anhand dieser Beispiele will ich nun nicht etwa Vögel oder ein Heilmittel anpreisen, sondern lediglich den Beweis zu führen suchen, dass im Walde nicht immer die höchsten Bäume die schönsten sind, d. h. dass das Altüberlieferte bei weitem nicht immer auch das richtige ist, und dass es mit Hilfe der der wohl nicht mehr neuen aber noch sehr beargwöhnten Heilmethoden sehr wohl möglich ist, dauernde und zum Vorteil ausschlagende Erfolge zu erzielen. Diese wertvolle, leider aber noch oft belächelte und als Blödsinn bezeichnete Behandlungsweise bietet sich uns in der konsequenten Anwendung der Homöopathie , die außer mir bereits von namhaften und Neuerungen zugänglichen Züchterkollegen erprobt und als überaus wertvolle Bereicherung unserer Mittel zur Bekämpfung der Kanarienkrankheiten erkannt worden ist.

Wenn ich nun den einleitenden Teil mit dem Hinweis auf die großen Erfolgsmöglichkeiten einer bestimmten Behandlungsweise vorkommender Erkrankungen abschließe, so nicht deshalb, weil ich etwa die Methoden der „Alten" als untauglich bezeichnen möchte. Es darf jedoch als feststehend angenommen werden, dass sie nicht als die erschöpfende Erfassung aller Möglichkeiten gelten können, und dass heute noch viel wertvolles Zuchtmaterial zugrunde geht oder ungenützt bleibt, weil die restlose Erfassung aller Möglichkeiten aus Unkenntnis noch nicht Gemeingut aller organisierten und Feinzüchter geworden ist. Ebenso fest steht aber auch die Tatsache, dass Vorbeugen besser als Heilen ist.

II.

Was ist nun Homöopathie?

Die Homöopathie ist eine, von dem deutschen Arzte Christian Samuel Hahnemann ausgearbeitete Heilmethode, deren Kern die Behandlung des Kranken ist. Mit der sogenannten Augendiagnose mit der sie fälschlich häufig zusammengeworfen wird, hat sie nicht das mindeste zu tun.

Die homöopathischen Heilmittel werden dem Mineralreich, dem Pflanzenreich und dem Tierreich entnommen. Die Homöopathie ist also eine arzneiliche Heilmethode, im Gegensatz zur reinen Naturheilmethode, die sich z. B. des Wassers, der Luft, Massagen usw. bedient. Auch die Diät, das ist die Regelung der Ernährungsweise, spielt im homöopathischen heilplan eine sehr wichtige rolle, einmal weil falsche Ernährung, vor allem der Genuss von zu vielem Eiweiß, verdorbener Erzeugnisse von Ölfrüchten u. a. überhaupt schädigt, sodann weil derartige Stoffe außerdem noch die Wirkung der homöopathischen Heilmittel stören.

Alle in der Homöopathie angewandten Stoffe sind am Menschen erprobt und daher in ihrer Wirkung auf den Organismus genau bekannt, u. a. dadurch, dass gesunde Menschen sie eingenommen und dann ihre Wahrnehmungen und Empfindungen mitgeteilt haben. Es leuchtet ohne weiteres ein, dass die Erfahrungen am Menschen natürlich viel wertvoller ist als diejenige am Tier. Und gerade dieser Prüfungsart verdankt die Homöopathie zum großen Teil ihre Überlegenheit, weil die feinen Unterschiede der einzelnen Mittel nur auf diese Art überhaupt erkennbar sind. Das Tier kann über seine Gefühle und Empfindungen nichts sagen. Gerade dies ist aber äußerst wichtig, da z. B. Stechen und Brennen schon dem Wort nach etwas ganz verschiedenes ist; daher wird eben dieser unterschied in der Empfindung auch beim Schmerz ein verschieden geartetes Leiden andeuten und dadurch Feinheiten in der Abgrenzung von Krankheiten gestatten, die anderen Heilmethoden noch gar nicht genügend bekannt sind. Auf dieser Überlegenheit und eingehenderen Beschäftigung mit den, auf das Leiden hindeutenden Klagen im Verein mit den Untersuchungen der Ausscheidungen (Schweiß, Kot, Urin, Schleimabsonderungen usw.) beruhen zum großen teil die Erfolge mit den homöopathischen Mitteln.

Hieraus ergibt sich für den Kanarienzüchter, dass er genau beobachten muss, was in dem erkrankten Vogelkörper vor sich geht, um danach eine möglichst genaue Diagnose stellen zu können, denn hierdurch erleichtert er die Behandlung. Bei der Erkrankung eines Vogels kommt es z. B. nicht nur auf die Art der Krankheitserscheinungen (wässeriger, blutiger, trockener Kot, Aufbauschen des Gefieders, usw.) an, sondern auch auf die zeit ihres Auftretens und den Grad ihrer Verschlimmerung. Deshalb gibt es in der Homöopathie nicht nur die Bezeichnung „Durchfall" sondern das Leiden zerfällt, entsprechend dem vorher Angeführten, für die homöopathische Behandlung wieder in eine Anzahl ganz verschiedener Einzelerkrankungen, die sich dem aufmerksamen Beobachter verschieden kundgeben und daher auch verschieden behandelt werden müssen. Aus all diesem hier angedeuteten ergibt sich für die homöopathische Behandlungsweise der Vorzug einer sorgfältigsten Bewertung aller Einzelheiten im Gesamt-Krankheitsbilde. Die Art der Heilwirkung der homöopathischen Mittel ist in ihrem Wesen der Bekämpfungsart der meisten Seuchen, wie Cholera, Pocken, Typhus, Ruhr usw., genau gleichzustellen, denn bei der Bekämpfung dieser Krankheiten werden dem erkrankten Körper stark verdünnte Lösungen des Krankheitserregers zugeführt. Wenn man nun die Krankheitszeichen (also bei oben angeführtem Durchfall die grundverschieden gearteten Ausscheidungen) als das Bemühen des Vogelkörpers auffasst, mittels gesteigerter Darmtätigkeit Stoffe zu entfernen, die ihm unangenehm sind, weil sie ihn schädigen, so bemühen sich die homöopathischen Mittel , die kranken Körperteile in ihrer Abwehrarbeit und zwar in der vom Körper gezeigten Richtung , zu unterstützen. Als weiteres Beispiel sei hier angeführt das Einreiben durch Frost geschädigter Körperteile mit Schnee, also mit der Ursache der Schädigung in kleiner Menge und nicht etwa durch Wärmeeinwirkung.

Die homöopathischen Medikamente sind also starke Verdünnungen der einzelnen Krankheitserreger. Trotz dieser starken Verdünnungen kann es aber doch wohl ab und zu einmal zu einer leichten, vorübergehenden Aufflackerung der Krankheit kommen, die wie eine Verschlimmerung aussieht, es aber nicht zu sein braucht und in der Regel auch nicht ist. Es ist vielmehr nur ein Zeichen dafür, dass der Vogelkörper besonders gut auf das verabfolgte Arzneimittel reagiert, und das sich durch diese Wirkung als gut gewählt und zur Bekämpfung der Krankheit als passend kundgibt. In diesem Falle empfiehlt es sich, die angewandte Menge des Medikamentes vorübergehend zu verringern.

Bei frühzeitig erkannten Krankheiten wirken die Mittel meist schnell; bei allen schon länger anstehenden Leiden dagegen ist naturgemäß eine längere zeit notwendig, bis die Arznei ihre heilende Kraft entfalten kann. Darum soll man nicht etwa unmögliches erwarten und verlangen: man wechsle auch nicht voreilig mit den Heilmitteln, wenn sich ein Erfolg nicht so gleich einstellt, gut Ding braucht Weile. Sollte sich das Krankheitsbild trotz richtig bemessener Arzneigaben (Mengen) verschlimmern, dann hat man die Art der Erkrankung falsch bestimmt. In diesem Falle befrage man unverzüglich den Kenner, denn der Laie wird stets unvergleichlich weniger schaden, wenn er sich im Anfang bei der Krankheitsbehandlung zu wenig zutraut, als wenn er sich zu sehr auf sein vermeintliches Wissen verlässt und leichtfertig ist. Ein Mittel kann aber auch trotz richtiger Krankheitsbestimmung versagen, weil die Behandlung zu sehr vernachlässigt wurde und eine allgemeine Zerstörung der Schleimhäute, Zellen, des Blutes usw. bereits eingetreten ist. In diesem Falle ist eine Rettung natürlich nicht mehr möglich. Deshalb ist es von allergrößter Wichtigkeit und Bedeutung, alle Vorgänge und Veränderungen des Krankheitsbildes genauestens zu beobachten, weil hierdurch einmal die Krankheitsdauer wesentlich verkürzt, zum anderen ein etwa begangener Fehler in der Krankheitsbestimmung rasch berichtigt werden kann.

Alle Züchterfreunde, die es mit der ständig vorwärts schreitenden Entwicklung der Edelzucht wirklich ernst meinen, sollten von der Anwendung der Homöopathie in ihrer Zucht regsten Gebrauch machen, da ihnen mancher schmerzliche Verlust erspart bleibt und die Rettung eines kranken Tieres uns mit stolzer Genugtuung und innerer Befriedigung erfüllt. Erst dann werden wir ein wahrer Freund unserer Kanarien sein, wenn wir uns ohne Ausnahme in die Lage versetzen, ihre, doch nur durch unsere Maßnahmen verschuldeten Leiden nach Möglichkeit zu verringern. In der von Gustav Streifeneder bearbeiteten Neuauflage von Tretters Lehrbuch steht uns ein ausgezeichnetes Werk zur Verfügung, dass in seiner klaren Ausdrucksweise alle die Fragen beantwortet, die in Bezug auf Krankheiten unserer Vögel, die Krankheitserscheinungen, ihre Ursachen und Behandlung gestellt werden können. Mir ist das Buch nebst anderen stets ein treuer Berater und in den vorerwähnten Fragen von unschätzbarem Werte gewesen, so dass ich es nicht mehr missen möchte.

III:

Warum Homöopathie?

Obgleich die Beantwortung dieser Frage zum großen Teil schon in den vorhergehenden Abschnitten zu finden ist, soll hier noch einmal näher auf all die großen Vorzüge dieser Heilmethode hingewiesen werden, weil diese Vorzüge sie für unsere Kanarienzucht so wertvoll machen.; wertvoll deshalb, weil sie den natürlichsten Bestrebungen der Organismen in ihrem Abwehrkampf gegen Gesundheitsfeinde unterstützend zur Seite steht und jeder wissenschaftlichen Begründung zu entsprechen vermag. Sie verwendet nicht Palliativmittel (Linderungsmittel) , wie Bromkalium, Chloralhydrat, Digitalis u. a. (die zwar eine Krankheitserscheinung eindämmen oder zurückdrängen, dafür aber um so sicherer eine andere auslösen) , sondern sie schädigt den Krankheitserreger mit seinen eigenen Waffen, sie heilt den davon befallenen Körper. Die praktische Erfahrung weist ziffernmäßig nach, dass der Prozentsatz der unter homöopathischer Behandlung Genesenen größer ist als bei jeder anderen Behandlung, und dass die Durchschnittszahl der Krankheitstage 35 – 50 Prozent niedriger ist als bei allopathischer Behandlung. Die homöopathischen Mittel schmecken nicht übel und können dem Vogel entweder im Trinkwasser oder in besonderen Fällen mit der Pinzette verabfolgt werden. Sie können selbst dann nicht schaden, wenn sie einmal nicht richtig nach ihrer Art gewählt sein sollten. Sie helfen bei rechtzeitiger Anwendung immer. Sie sind ferner im allgemeinen dem Verderben nicht ausgesetzt und können jahrelang vorrätig gehalten werden, außerdem sind sie spottbillig. So ist die Homöopathie eine wahrhaft volkstümliche Heilmethode. Jeder Züchter kann sich mit Hilfe von Tretters Lehrbuch in kurzer Zeit so weit vertraut mit ihr machen, dass ihm nennenswerte Verluste durch Krankheiten seiner Vögel kaum noch entstehen, ganz abgesehen davon, dass die homöopathischen Arzneimittel wenigstens die wichtigsten und gebräuchlichsten, in keiner Hausapotheke fehlen sollten, da sie auch hier, besonders in Gegenden, wo sachgemäße Hilfe fern oder schwer zu erreichen ist, schon unendlichen Segen gestiftet haben.

Wer das Verlangen hat, sich mit der Homöopathie noch näher vertraut zu machen, dem steht wohl in sehr vielen Apotheken einschlägige Literatur kostenlos in Form von Kleinschriften, Broschüren usw. zur Verfügung.

Nachwort.

Zum Schlusse meiner Abhandlung will ich noch einiges Grundsätzliches über die Anwendung der Medikamente festhalten.

  1. Homöopathische Mittel wirken am besten, wenn mindestens eine halbe Stunde vor und nach der Anwendung das Futter entfernt wurde.

  2. Homöopathische Mittel sind stets nur für sich allein, niemals zusammen mit medizinischen Arzneien anzuwenden.

  3. Zur Auflösung der Streukügelchen ist nur abgekochtes und wieder erkaltetes Wasser zu verwenden, da die im Rohwasser enthaltenen Mineralien chemische Verbindungen mit den Arzneien eingehen können, wodurch diese unwirksam werden, unter Umständen sogar schädlich wirken können.

  4. Lösungen nur mittels Glasstab, silbernen Löffel oder Hornlöffel umrühren, da Metalle ebenfalls Umsetzungen herbeiführen können.

  5. Die angegebene Zahl von Streukügelchen genau einhalten, bei verschiedenen Krankheiten verschiedener Vögel keine Verwechslungen der Arzneigaben vornehmen.

  6. Käfigböden immer gründlich reinhalten, damit Farbe und Beschaffenheit der Ausscheidungen immer gut kontrollierbar sind und keine neuen Krankheitsherde entstehen.

  7. Wer die günstigen Wirkungen der Homöopathie am eigenen Vogelbestand erfahren hat, der verschweige seine Erfahrungen nicht, sondern zeige sich dankbar, indem er diese Erfahrungen seinen Züchterkameraden nicht vorenthält, sondern in allen organisierten Züchterkreisen verbreitet und empfiehlt.

  8. Sei nicht geizig, hilf dem Kameraden wenn er einmal in Verlegenheit ist, mit deinen eigenen Medikamenten aus. Des anderen Freude ist deine eigene Freude und du hilfst dem armen Tier.

  9. Wenn du nicht ganz im Klaren bist, dann befrage den Erfahrenen oder den „Tretter".

  10. Berichte eifrig in der Fachpresse über deine Erfolge in der Heilkunst, aber sei kein Schwinger, jedoch auch kein Feigling, der einen Misserfolg nicht eingestehen will.


 

Anmerkung von H. Hucke:

 

Im Kanaria Kalender 1940 / 1941 ist beschrieben, welche homöopathischen Mittel in die Hausapotheke des Züchters gehören:

 

„Im Allgemeinen genügt es folgende Medikamente bereitzuhalten: Akonit, Arsenik, Belladonna, Bryonia, Chamomilla, Mercur. Solub, Nux vomica, Phosphor, Pulsatilla, Sulfur, Zinkum. Diese Heilmittel sind in jeder homöopathischen Apotheke zu haben.

Folgende Heilmittel können auch aus allopathischen Apotheken bezogen werden: Aniswasser, Arnikatinktur, Eisenvitriol, Glyzerin, Opiumtinktur, Perubalsam, Rhabarberkonfekt, Salizylsäure.

Große Sorgfalt ist auf die Aufbewahrung der homöopathischen Arzneimittel zu verwenden. Dieselben müssen an einem trockenen Orte aufbewahrt, rein erhalten und vor nachteiligen Einflüssen geschützt werden. Der Ort darf weder zu kalt noch zu warm, und nicht hell namentlich dem Sonnenlicht nicht ausgesetzt sein. Rauch, Küchendunst, Tabaksqualm dürfen in ihm nicht herrschen, auch muss er frei sein von anderen Ausdünstungen irgendwelcher Art. Jede Arznei ist in einem luftdicht verschlossenen Fläschchen aufzubewahren, eine Berührung derselben mit Metallen darf nicht stattfinden, namentlich nicht mit unedlen. Der Verschluss der Arzneifläschchen hat mittels frischer, noch nicht gebrauchter Korke zu erfolgen, die bei der Öffnung mehrerer Fläschchen später nicht verwechselt werden können."

 

Im Mitteilungsblatt der SZG Kanarien Nr. 3 / 1985 Seite 18 lesen wir:

 

Die gebräuchlichsten Homöopathischen Mittel sind:

Belladonna gegen Leberflecken

Pulsatilla gegen Verstopfung

Akonit gegen Fieber , Sepsis,

Arsenik gegen schweren Durchfall

Mercur. Solub gegen leichten Durchfall

Nux vomica und Pulsatilla gegen Verstopfung

Sulfur gegen Durchfall

Zinkum gegen Krämpfe

Opium gegen Krämpfe oder Durchfall

Chamomilla gegen Heiserkeit und Durchfall

Yohimbin D2 gegen verminderten Geschlechtstrieb

Die homöopathischen Mittel sind in flüssiger oder fester Form in der Stärke der 4. oder 5. Potenz zu verabreichen.

 Homöopathische Dosis:

 Das D kommt vom Wort Dezimalsystem; es wird immer in Zehner-Stufen verdünnt.

 D1 = 1 : 10

 D2 = 1 : 100

 D3 = 1 :1000

 D6 = 1 : zu 1 Million

 D20 = ist, wie wenn man1 Liter Wasser in alle Weltmeere verteilt

 D32 = 1 Tropfen auf 1 Million Erdmasse

 


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