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Rote Gesangskanarien
Text von Heinz und Gerda Aschenbach, Ringleben. (der Artikel wurde veröffentlicht im Vogelfreund Heft 12 / 99, Seite 22)
Die "Pioniere" der Farbengesangskanarienzucht bei Roten Kanarien leben beide nicht mehr. Gerda Aschenbach verstarb im Dezember 2005. Heinz Aschenbach konnte im Januar 2008 noch seinen 80. Geburtstag feiern. Er starb einen Monat später. Eine Kollektion seiner roten Farbengesangskanarien nahm noch an der Deutschen Meisterschaft im Januar 2008 teil.
Der Gesang des Harzer Rollers besaß noch vor 50 Jahren einen anderen Stellenwert als heute. Die Farbenzucht war erst in der Entwicklung und deren Gesang für verwöhnte Ohren nur schwer zu verkraften. Es ist daher nicht verwunderlich, dass schon damals einige Liebhaber versuchten, rote Gesangskanarien zu züchten. Kurz vor Beginn des Krieges stand in Sömmerda in Thüringen eine Kollektion rothaltiger Gesangsfarbenkanarien zur Bewertung. Der Züchter, Herr Gustav Tetzel aus Reinsdorf bei Artern, erntete mit diesen Vögeln hohe Beachtung. Natürlich war die Farbe nicht mit den heutigen Roten zu vergleichen. Die Fütterungsmethoden waren nicht ausreichend bekannt und um den Gesang zu steuern, wurde nach den Gepflogenheiten der Gesangszüchter gefüttert. Kurz nach dem Krieg sah ich bei meinem späteren Freund Karl Buse aus Erfurt die ersten wirklich roten Kanarien. Die Vögel zeigten eine OF von 5 ½ - 5 ¾. Zu dieser Zeit standen den Züchtern noch keine oxidierten Karotine zur Verfügung. Es war deshalb eine züchterische und fütterungstechnische Höchstleistung. Wie waren diese Vögel entstanden? Ausgangsmaterial waren Norwich Kanarien, welche mit rothaltigen Farbenkanarien verpaart wurden. In der Nachzucht fiel ein stark rothaltiger Hahn mit dem Gefieder des Norwich und Intensiv-Faktor auf. Dieser galt als Ausgangsvogel des Stammes. Bei einem meiner späteren Besuche, sah ich kaum einen Schimmelvogel. Es wurden nur intensive mit der entsprechenden Federstruktur verpaart. Tiere mit Intensitätsschäden, welche sehr selten auftraten, wurden nie zur Zucht verwendet. Die Zucht selbst wurde auf dem Dachboden durchgeführt. Zuchtfreund Buse war Bäckermeister. Ein übergroßer Schornstein sorgte für Wärme. Im Sommer war es manchmal übermäßig warm. Gefüttert wurden die Vögel - neben Körnerfutter - mit normalem Eifutter, welches mit geraspelten, nicht geriebenen Möhren angefeuchtet wurde. Möhrensaft wurde nicht verabreicht. Dass diese Fütterungsart nur in warmen Räumen durchgeführt werden kann, ist verständlich. Allerdings ging die rote Farbe zurück, wenn kein Salat gefüttert wurde. Dies ist ein Zeichen, dass eine gute Ausfärbung einen erhöhten Stoffwechsel bedingt. Dem Aufruf, rote Gesangskanarien zu züchten, folgten bereits 1954 mehrere Züchter. 1968 war diese Zuchtrichtung soweit im Gesang entwickelt, dass hier Sieger ermittelt wurden; wohlgemerkt, nur bei rotgrundigen Vögeln. Zugelassen waren nur Kollektionen ab OF 4. Der Standpunkt des damaligen Vorsitzenden der SZG war, wenn Gesangsfarbenkanarien gezüchtet werden, wollen wir - die Gesangszüchter - auch sehen, dass rote Farbe darin ist. Es wäre zu der damaligen Zeit auch keinem Gesangskanarienzüchter eingefallen, gelbgrundige Gesangskanarien als Gesangsfarben auszustellen. 1976 wurde das letzte Mal bei roten Gesangskanarien ein Sieger ermittelt. Danach kam die Zeit, in der auch im Osten rotbildende oxidierte Karotine die Erbanlagen mehr oder weniger außer Kraft setzten. Natürlich konnten wir als Initiatoren dieser Zuchtrichtung nicht mit der Zucht aufhören. Dazu wurde hier zuviel Arbeit geleistet. Es ist auch immer wieder ein besonderes Gefühl, rote Vögel mit dem Gesang eines Edelrollers zu erleben
Grundzüge der Vererbung
Die Verbesserung des Gesangs ist nur durch Einpaarung von hochwertigen, gelbgrundigen Gesangsvögeln zu erreichen. Das bedeutet, dass die rote Farbe wieder zurückgeht. Wir haben diese Orange-Vögel untereinander und auch zurück an stärker rothaltige verpaart. Da diese Tiere spalterbig sind, fallen alle Abstufungen von Gelb bis Rot. Um wenigstens einigermaßen die Erbanlagen zu erkennen, wurde nur Aufzuchtfutter für Gesangskanarien verabreicht. Die Farbe des Nestgefieders wurde notiert und die gelben Jungtiere ausgesondert. Rote Vögel fallen nur sehr wenige. Wir haben manches Jahr von 100 Jungtieren nur 1 bis 2 Tiere mit OF 5 ½ bekommen. In der Regel dauert es nach einer Gelbeinpaarung drei Jahre, bis eine einigermaßen rote Farbe erreicht wird, denn beide Elternteile müssen Roteinlagen besitzen. Natürlich sollten auch rotgrundige Gesangsvögel, um auszufärben, entsprechend gefüttert werden. Solange nur Beta-Karotin in unserer Zucht in Form von Möhren und Grünzeug verabreicht wurde, waren keine Schwierigkeiten da. Gelbgrundige Vögel zeigten kein Rot. Orange bis rote Tiere brachten nur die Farbe, welche auf Grund der Erbanlagen gegeben war. Anders bei Verabreichen von oxidiertem Karotin in Form von Canthaxantin. Hier färbten sich auch die aussortierten gelbgrundigen Tiere in orange bis rote um, aber deutlich in zwei Gruppen unterscheidbar. Während ein Teil nur wenig ausfärbt, etwa wie reine Gesangskanarien, ist der andere Teil nicht von anderen Farbvögeln zu unterscheiden und bringt mit Leichtigkeit OF 5. Offenbar besaßen Farbvögel nur einen Gelbbildner. Verabreicht wurden in diesem Fall 2 Gramm Canthaxantin pro Liter Trinkwasser, eine vergleichsweise niedrige Dosierung. Dies sind aber nicht die einzigen Nachteile, die eine Gelbeinpaarung mit sich bringt. Es müssen auch andere Kriterien, wie Größe, Federstruktur und Fülle, Scheckung, Breite der weißen Federspitzen usw. berücksichtigt werden. Dabei ließen wir eine leichte Scheckung, die immer wieder auftritt, vollkommen außer Acht, weil sonst die Auswahl der Zuchttiere zu stark eingeschränkt wäre. Bei Schimmelvögeln wird bewusst auf eine breite Federspitze geachtet. Diese Tiere sind meist größer und fülliger und geben so ideale Partner für Intensive. Dies entspricht zwar nicht dem neuen Trend, aber die heutigen Schimmel sind aus Positurkanarien hervorgegangen und diese einzupaaren würde eine über 50-jährige Arbeit zunichte machen.
Gesang und Fehler
Kanarien können über 60 Tonstücke hervorbringen, allerdings rassespezifisch. Kanarien sind aber deshalb nach ornithologischen Gesichtspunkten noch keine Spötter. Die ersten Kreuzungstiere zwischen gelben Gesangsvögeln und Roten mit noch sehr großem Mischlingsanteil brachten aus der Sicht eines Rollerzüchters so ziemlich alle Fehler, die denkbar sind. Und die Jungen lernten diese Fehler immer wieder von den Altvögeln. Wir haben wiederholt junge Kanarien von Hand aufgezogen. Um diese zum Sperren zu animieren, wurden mit dem Mund helle Wisperlaute erzeugt. Auch reine Gesangskanarien nahmen diese Töne an und brachten sie in den verschiedensten Abstufungen in ihrem späteren Gesang. Wurden Gesangskanarien einzeln total isoliert aufgezogen, brachten diese kaum Rolltouren und der Gesang war absolut nicht kanarienähnlich. Wenn hingegen mehrere Jungtiere aufgepäppelt wurden, unterstützten sich die Hähne gegenseitig im Gesang. Brachte ein Jungvogel ein Stück Rolle, ahmten es die Übrigen bald nach. Dies steht auch in Einklang mit den geographischen Dialekten anderer Finkenvögel. Trotz gewisser genetischer Gleichheit singen Goldammern im Norden etwas anders als im Süden. Das Gleiche kennen wir vom Buchfink. Von Kanarien aufgezogene Hänflinge bringen keine artgerechten Hänflingsgesang usw. Deshalb haben wir es auch bald aufgegeben, unseren damaligen Farbenstamm gesanglich zu verbessern. Rote Gesangskanarien zu züchten, verspricht nur Erfolg, wenn einem gut durchgezüchtetem Gesangsstamm Rotanlagen zugeführt werden. Dabei kommt es sehr auf die genetisch bedingten Gesangsanlagen an. Hierzu zählt nicht nur die Tiefe, sondern auch die Reinheit des Stammes. Wir haben 50 Jahre keinen Farbvogel in unserem Stamm eingepaart. Versuche schlugen stets fehl. Aber auch die notwendige Blutauffrischung mit reinen Gesangskanarien verlief nicht immer günstig, vor allem brachten die Vögel in den meisten Fällen Glucktouren mit. Die besten Erfolge zeitigten Einpaarungen mit weichen tourenarmen Hohlvögeln. Aber diese sind heute selten, weil es hier meist an markanten Touren fehlt. Auch Einpaarungen von Vögeln mit Klingeltouren führen immer wieder zu Rückschlägen. Wir hatten vor der Wende zwei Gesangszüchter, welche uns laufend mit guten Hähnen versorgten. Das war nicht selbstverständlich. Manche Gesangszüchter und Preisrichter standen dieser Zuchtrichtung skeptisch, ja ablehnend gegenüber. Hier sollte das Motto gelten: „Was nicht sein soll, auch nicht sein kann." Wir haben aber nicht aufgegeben. Heute sind unsere Roten gesanglich typische Harzer Roller und relativ sauber im Vortrag. Die Züchter beurteilen den gegenwärtigen Stand ihrer Rasse nach einzelnen Spitzentieren. Diese machen aber nur einen geringen Teil einer Zuchtrichtung aus. Alle anderen sind Mittelmaß. Es wäre deshalb auch völlig falsch, eine Rasse, welche ihre Gene aus zwei Zuchtrichtungen bezieht, nach diesen Vorstellungen zu bewerten. Schon bei gelbgrundigen Gesangsfarbenkanarien ist das nicht anwendbar. Hier hat sich in Jahrzehnten eine eigene Rasse herausgebildet, welche nur nach deren spezifischen Merkmalen zu beurteilen ist. Natürlich machen wir uns Gedanken, wie es mit der Zuchtrichtung weitergehen soll. Der Rückgang der Züchter von reinen Gesangskanarien stimmt schon bedenklich. Wer nimmt aber heute in Kauf, Zuchtprogramme von mehreren Jahren aufzulegen, um einige wenige Tiere zu erhalten, welche den Vorstellungen entsprechen? Die einzige Möglichkeit wäre die Gründung einer IG oder eines Klubs deutschlandweit. Wo aber kommen in unserer schnelllebigen Zeit hierzu Idealisten her?
Nachtrag zum Artikel von Heinz und Gerda Aschenbach:
Im Jahr 2006 besteht die Zucht roter Farbgesangskanarien des Züchter-Ehepaares Heinz und Gerda Aschenbach 60 Jahre. Vom 02. bis 03. 12. 2000 nahm Gerda Aschenbach zum letzten Mal mit 2 Kollektionen Farbengesangskanarien in Rot an der Thüringer Landesmeisterschaft in Niederorschel teil. Sie erreichte folgende Ergebnisse:
Für rote Farbengesangskanarien ist dies ein hervorragendes Ergebnis und ein sehr schöner Erfolg für die langjährigen züchterischen Bemühungen.
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