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Kanarienfreund - Vogelliebhaber -
Fachmitteilungsblatt der Kanarienzüchter und Vogelliebhaber
1. Jahr Nürnberg, März 1948 Nr 3
Stammeszucht
von Willi Scholl, Köln-Ossendorf, Jüssenstraße 3
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| Nachdem der
Krieg wieder ungeheure Wunden geschlagen hat, kommt allmählich wieder der
Wille zum Durchbruch, mit der Beseitigung der vielen Schäden zu beginnen.
Die vielen Schäden, die an Leib und Leben entstanden sind, werden sich zum
Teil beseitigen oder mildern lassen Was an beweglichem oder unbeweglichem
Eigentum zerstört worden ist, ist zwar allmählich zu übersehen, allein die
Wiederbeschaffung und Wiederherstellung manchen Eigentums wird uns noch
unschätzbar viele Jahre beschäftigen. Ein großes Hindernis für die
Beseitigung der vielen Kriegsschäden ist die allgemeine wirtschaftliche
Lage. Der Druck, der auf der Menschheit lastet, weil die wirtschaftliche
Lage einen Austausch der Bedarfsgüter untereinander erschwert, hat zu einem
sehr verworrenen Dasein geführt. Es würde über den Rahmen des Themas
hinausgehen, wenn ich näher auf die allgemeine Lage eingehen wollte. Für uns
Kanarienzüchter spielen die Vorgänge des öffentlichen Lebens zwar genau
dieselbe Rolle wie für alle Menschen, jedoch für uns Kanarienzüchter kommt
als erschwerend hinzu, dass der Krieg unsere Kanarienbestände ganz besonders
in Mitleidenschaft gezogen hat. Es gibt wohl keinen Kanarienzüchter, dem der
Krieg nicht Verluste gebracht hat, die vielleicht nicht wieder eingeholt
werden können. Ein großer Teil von uns hat seinen ganzen Bestand eingebüßt.
Infolge dieser Totalverluste sind sehr viele aus unseren reihen mutlos
geworden und es werden noch viele Jahre vergehen, bis die Lücken wieder
geschlossen werden können. Trotzdem können wir bereits feststellen, dass ein
guter Kern von Züchtern übriggeblieben ist, der es sich, trotz aller Nöte
der Zeit, zur Aufgabe gemacht hat, die Kanarienzucht wieder in gang zu
bringen. Teils sind bereits große Opfer gebracht worden, um einen Anfang zu
machen. Wo es nun gelungen ist, wieder einiges Zuchtmaterial aufzutreiben,
kommt als erster Gedanke der Wunsch, die Qualität der Vögel wieder auf den
früheren Stand zu bringen. Dieser Wunsch ist nur verständlich. Einen noch so
ideal veranlagten Züchter kann es auf die Dauer nicht befriedigen, nur
einige Vögel zu züchten. Die Gesangskanarienzüchter möchten diese
Bezeichnung nicht nur als begriff führen, sondern die gesangliche
Entwicklung ihrer Vögel weitgehendst fördern. Deshalb wird auch jeder von
uns danach trachten, sobald wie möglich wieder Vögel zu züchten, die an die
Vorkriegszeit heranreichen. Wir wollen uns deshalb einmal mit der frage
beschäftigen: Wie baue ich einen Stamm auf? Wer richtige Stammeszucht betreiben will, muss über genügend Zuchtmaterial verfügen. Der kleine Züchter, der nicht über Raum und Zeit verfügt, ist im allgemeinen nicht in der Lage, richtige Stammeszucht zu betreiben, es sei denn, dass er sich mit verschiedenen Züchterkameraden vereinigt, um nach einem wohldurchdachten Plan, den Austausch des Zuchtmaterials zu ermöglichen. Der einzelne kleine Züchter, kann wohl eine Linien- oder Familienzucht betreiben, aber er ist nur durch gegenseitige Unterstützung in der Lage, die gesangliche Qualität seiner Vögel zu erhalten oder gar zu fördern. Stammeszucht ist, um es leicht verständlich zu sagen, die Zuchtmethode, die die Erhaltung bestimmter Grundlagen auf längere zeit ermöglicht. Wer also alle Jahre neue Vögel hinzukauft, um zu Erfolgen zu kommen, kann nur von Blutauffrischung, aber nicht von Stammeszucht reden. Grundlegend für den Betrieb einer Stammeszucht sind die Kenntnisse der Vererbungslehre. Ein jeder von uns hat schon einmal von den Vererbungslehren des Paters Mendel gehört. Dieser hat seine Forschungen zwar auf botanischer Grundlage aufgebaut, diese können aber auch auf die gesamte Tierzucht angewandt werden. Die Vererbungsformen sind so klar, dass wir Kanarienzüchter ohne die Beobachtung derselben einfach nicht zum Ziel kommen können. Ich will jedoch hier keine wissenschaftliche Skizze einfügen, die wahrscheinlich für viele von uns zu schwer verständlich sein würde, sondern ich will mich nur an allgemeine und somit klare Tatsachen anlehnen. Dass es leichter ist die Farbe und Gestalt der Kanarien zu verfolgen, als die gesangliche Qualität, ist wohl ohne weiteres klar. Wer also Vögel einer gewissen Farbe erfolgreich züchten will, braucht nur diejenigen Vögel aus der Nachzucht zu verwenden, die mehr und mehr dem Zuchtziel zustreben. Lediglich notwendig ist hierbei dafür Sorge zu tragen, dass verschiedene Blutströme langsam ineinander fließen. Andernfalls tritt sehr bald Inzucht ein. Ich möchte aber besonders gesagt haben, dass eine vollkommene Stammeszucht ohne Inzucht nicht möglich ist. Stammeszucht muss sich zur reinen Vollblutzucht steigern, also müssen wir Inzucht anwenden. Hierbei ist aber zu nahe Verwandtschaftszucht zu vermeiden. Die Paarung eines Elternvogels mit den eigenen Nachkommen, oder der Nachkommen miteinander, ist auszuschalten. Da die Gesangskanarienzüchter keine äußeren Erkennungszeichen anwenden können, müssen sie sich zunächst mit etwas Geduld wappnen, denn die durch Zufallsprodukte erweckten Hoffnungen, erwiesen sich meist sehr bald als trügerisch. Mendel hat in seiner Lehre bewiesen, dass jedes Lebewesen Erbanlagen in sich trägt, die sich eine Zeitlang aufspalten lassen, aber dann wieder in den Ausgangszustand zurückgleiten. Das ist eine Tatsache, die jeder Züchter nicht übersehen darf. Wir nennen die Erscheinungen, die aus dem Rahmen der züchterischen Erscheinungen herausfallen, Rückschläge. Ganz lassen sich die Rückschläge nach der negativen Seite hin nicht ausschalten, denn die Natur lässt sich nur bis zu einem gewissen Grade beeinflussen. Aber wir müssen bei richtig aufgebauter Stammeszucht besonders die positiven also guten Erbanlagen verfolgen. Je eher und je mehr sich die guten Erbanlagen zu festigen beginnen, je richtiger war der eingeschlagene Weg. Wenn wir also der Stammeszucht recht viele Blutströme zugrunde legen, so müssen wir von vorneherein bestrebt sein, möglichst die Elternvögel zu benutzen, die - bei Rückschlägen – nur wieder gute Eigenschaften hervorbringen. Der Aufbau einer Stammeszucht sollte also so betrieben werden, dass ein langsames Einspielen in gewisse gesangliche Qualitäten möglich ist. Der Aufbau geht zwar dann etwas langsamer vor sich, die Kontrolle ist aber leichter, weil die gemachten Aufzeichnungen eine bessere Übersicht gewähren. Eine Dosis Geduld muss also jeder Züchter mitbringen, wenn er sicher zum Ziel kommen will. Um einen Stamm richtig aufbauen zu können, ist es von besonderer Wichtigkeit, dass man das Kanarienlied beherrscht. Ohne diese Kenntnisse ist es einfach unmöglich zu einem durchgreifenden Erfolg zu gelangen. Wer das Kanarienlied nicht beherrscht, kann wohl vorübergehend Glück haben, aber er wird wohl niemals über Zufallsprodukte herauskommen. Ebenso wird eine Zucht, die in zu kleinem Umfang betrieben wird, wie ich Eingangs darlegte, nur von vorübergehenden Erfolgen begleitet sein. Nach diesen Erklärungen will ich versuchen, durch einige Zahlen die eigentliche Stammeszucht zu erklären. Der heutigen Zeit entsprechend, wird es nur wenige Züchter geben, die die Zucht mit mehr als vier Hähnen in Angriff nehmen können. Diejenigen, die mit noch weniger Hähnen züchten können, schalten für die Eröffnung einer Stammeszucht aus, sie können sich nur als Anwärter betrachten. Die Zahl der Weibchen, die zur Zucht mit vier Hähnen verwendet werden, wird normalerweise nicht über zwölf Stück sein. Ich setze hierbei voraus, dass die genannten vier Hähne aus verschiedenen Blutrichtungen stammen, jedoch gesanglich die gleichen Eigenschaften haben. Über die Gesangstouren, die in einem Stamm verankert werden sollen, muss sich jeder Züchter im Klaren sein. Ich rate, sich nur mit der Zucht eines reinen Hohlstammes zu befassen. Die Zucht eines Wasser- oder Gluckerstammes ist mit besonderen Schwierigkeiten verbunden und erfordert neben ausgedehnten Kenntnissen des Kanarienliedes auch die Verwendung von Zuchtvögeln, die bereits eine Ahnenreihe guten Gesangs aufweisen können. Es sei deshalb hier nebenbei bemerkt, dass die Erhaltung eines guten Wasser- oder Gluckerstammes nur möglich ist, wenn in kurzen Zeiträumen gute Hohlvögel eingekreuzt werden. Vorhin habe ich besonders betont, dass die Kenntnisse des Kanarienliedes von unbedingter Wichtigkeit für den Aufbau eines Stammes sind. Ich muss deshalb einflechten, welche Touren in den Elternvögeln vorhanden sein müssen, wenn ein Erfolg zu erwarten ist. Gutes Hohl muss vor allen in den Zuchtvögel vorhanden sein, denn ohne gutes Hohl ist ein schönes Kanarienlied einfach undenkbar. Die Bezeichnung „Gutes Hohl" ist also sozusagen als Begriff aufzufassen, denn alle Touren müssen den Charakter „Hohl" aufweisen, wenn sie ansprechend, also schön sein sollen. Die Hohlrollen sind somit im Lied guter Vögel als führend anzusehen. Die Mannigfaltigkeit der Hohlrollen ist es, die dem Kanarienlied den Inhalt gibt. Die Übergänge von einer Tour zur anderen, können niemals schöner sein, als wenn sie in schönem reinem Hohl zu Gehör kommen. Die Touren, die ein schönes Kanarienlied ausmachen sind: Hohlrolle, Knorre, Hohlklingel und Pfeifen. Gerade schöne Pfeifen sind es, die den Eindruck des Kanarienliedes heben. Wenn ich jetzt erst über die vorhin nicht aufgezählten Klingeltouren spreche, so tue ich das deshalb, weil diese Touren gerne als Nebentouren im allgemeinen weniger Beachtung finden, jedoch bei klarer Vortragsweise zur Verschönerung des Kanarienliedes und zur Verbindung zwischen den aufgezählten Haupttouren nicht übersehen werden dürfen. Die Touren, die aber keinesfalls zur Betreibung guter Stammeszucht Verwendung finden dürfen, sind zunächst alle nasalen Touren. Alle Liedteile mit nasalem Einschlag sind wie Unkraut in einem schönen Garten anzusehen, sie kommen immer wieder. Wenn es wirklich gelingen sollte, aus Vögeln mit nasalen Gesangserscheinungen, den einen oder anderen Hahn zu züchten, der mit nasalen Liedteilen weniger hervortritt, so bleiben die Rückschläge unvermeidlich. Die meisten Enttäuschungen entstehen deshalb, weil bei der Eröffnung einer Stammeszucht unter dem erworbenen Zuchtmaterial Vögel mit nasalen Gesangsanlagen vorhanden waren. Ein weiterer Fehler im Kanarienlied, der eine ganze Zucht verseuchen kann, ist der scharfe Aufzug. Glaube niemand, dass ein Aufzug eine Tour wäre, die zur Erholung der Vögel eingeflochten werden müsste, sondern sei jeder versichert, dass durch einen Hahn, der im Flugbauer oder in der Nähe der Junghähne einen scharfen Aufzug zu Gehör bringt, meist alle in der Gemeinschaft befindlichen Hähne angesteckt werden. Der Gedanke, dass ein Hahn einen so aufgeschnappten Fehler nachher in der „Einzelhaft" des kleinen Einsatzbauers wieder vergessen würde, ist zu trügerisch, als dass ich nur den Versuch anempfehlen könnte. Jedenfalls kann ich jedem Züchter, der einen Junghahn im Flugbauer bemerkt, der nur einen leichten Aufzug macht, , nur anraten, diesen sofort auszufangen, in einen Einsatzbauer zu stecken und dann in ein möglichst ungeheiztes Zimmer zu bringen, wo er sehr bald beweisen wird, ob er den Aufzug aufgeschnappt hatte, oder aber, ob er ihn erblich in sich trug. War der Aufzug nach der Art unserer Jungenstreiche angelernt, so wird der Junghahn ihn auch vergessen, andernfalls wird er in der Einzelhaft zu seiner Lieblingstour. Ähnliche Ausführungen muss ich machen, wenn ich auf die Verwendung von Zuchtvögeln mit flachen Wasser- oder Glucktouren hinweise. Werden diese beiden Liedgruppen nicht rechtzeitig durch einkreuzen guter Hohlvögel wieder in eine gute Hohlform zurückversetzt, so arten sie aus. Sie vergrößern den Umfang ihres Auftretens im Kanarienlied derart, dass mit der Zeit von einer richtigen Überschwemmung reden kann. Der Züchter, der sich mit Stammeszucht befassen will, muss also beim Auftreten der Wasserrollen und Glucken ein scharfer Beobachter sein, sonst artet der ganze Stamm aus und alle Arbeit war vergebens. Nachdem ich auf die Fehler hingewiesen habe, die den Aufbau eines Stammes gefährden können, muss ich ergänzend bemerken, dass Schnetter, Zipp und Schapp für den Aufbau eines Stammes ganz außer Betracht kommen. Für ängstliche Gemüter sei aber noch hinzugefügt, dass eine scharfe Klingel oder eine spitze Pfeife, den Aufbau eines Stammes weniger berühren. Diese Gesangserscheinungen sind zwar Ausartungen, die bei einer Prämierung von Bedeutung, aber nicht unbedingt als im Blut verankert anzusehen sind, sondern meist von recht temperamentvollen Hähnen gebracht werden. Die Schilderung der gesanglichen Eigenschaften des Zuchtmaterials ist zunächst nur auf die Hähne anwendbar. Über die Erkennungs– und Vererbungsmöglichkeiten der Weibchen muss aber auch gesprochen werden. Die beste Gewähr hierfür bietet ein richtig geführtes Zuchtbuch. Ist dieses so geführt, dass man den Verlauf einer Gesangslinie klar erkennen kann, so kann man im Verlauf von etwa vier Jahren sagen, dass ein Stamm sich fest zu verankern beginnt. Die Rückschläge nach der negativen Seite, die ich vorhin erwähnt hatte, werden nach dem Abschluss einer vierjährigen Zuchtperiode schon seltener, wenn sie innerhalb dieses Zeitraumes sorgfältig ausgemerzt worden sind. Hieraus ergibt sich somit ziemlich eindeutig, dass ein Züchter, der eine richtige Stammeszucht betreiben will, sein Weibchenmaterial sorgfältig herauszüchten sollte. Die Verwendung von zwölf oder gar mehr Weibchen, wie ich angeführt hatte, würde ich in der heutigen Zeit erst recht nicht empfehlen. Wer demnach nur mit zwei bis vier Weibchen wieder beginnen wird, hat inzwischen wohl herausgefunden, dass er einen besseren Überblick über die Zuchtprodukte behält, als wenn er eine größere Anzahl verwenden wird. Es ist eine feststehende Tatsache, dass sich aus der Mendellehre ergibt, dass die elterlichen Eigenschaften sich in der Nachzucht zu gleichen Teilen aufspalten. In den selbstgezüchteten Weibchen sind also die Eigenschaften des Vatervogels bereits so vorhanden, dass sie bei fortlaufender richtiger Zuchtwahl nach einem Zeitraum von vier Jahren als feststehend angesehen werden dürfen. Jeder Züchter, der also zielbewusst verfährt, hat es in der Hand, sich ein gutes Weibchenmaterial heranzuzüchten. Da der von mir bei der Heranzüchtung von Weibchen vorgeschlagene Weg auch für die Hähne angewandt werden muss, ist klar, dass der Aufbau eines Stammes Zeit erfordert. Es ergeben sich nun verschiedene Möglichkeiten, die erforderlichen Hähne zur Durchführung einer Stammeszucht zu bekommen. Entweder ist man selbst soviel Kenner des Kanarienliedes, dass man sich bei einem Züchter, der nebenbei noch ein Zuchtbuch gewissenhaft führt, geeignete Hähne beschafft, oder aber man benutzt ein kaum versagendes Mittel zum Erwerb von Zuchthähnen, dass aber leider gegenwärtig noch nicht anwendbar ist. Dieses Mittel sind die Meisterschaftsaustragungen. Hähne, die auf den Meisterschaften ihre Gesangsqualität unter Beweis gestellt haben, sind ohne Frage wertvoll. Deshalb habe ich auch in früherer Zeit, als ich auf die Bedeutung der Meisterschaften hingewiesen hatte, stets betont, dass Hähne, die durch die Vorprüfung gegangen waren und schließlich auf den Meisterschaften ihre Zuverlässigkeit bewiesen hatten, für jede Stammeszucht Verwendung finden können. Selbst dann, wenn die Hähne, die solche Erfolge aufwiesen, nicht zu erwerben wären, kann man vertrauensvoll auf deren unmittelbare Brüder greifen. Die ganz seltenen Fälle, wo die Züchter, die nur eine kleine, also wenig verzweigte Zucht betrieben hatten, aber trotzdem mit Meisterehren bedacht worden waren, stehen nicht im Widerspruch zu meinen Ausführungen. Es wäre nun nur eine halbe Arbeit, die ich niedergeschrieben habe, wenn ich nicht auf die Fütterung in einer Stammeszucht hinweisen würde. Jeder Körper bildet sich aus Zellen zu einem Ganzen. Diese Zellen werden wiederum gebildet aus den Nahrungsstoffen, die wir einem Lebewesen, sei es Pflanze oder Tier, zuführen. Wählen wir diese Grundstoffe zwangsläufig falsch aus, so müssen wir uns bewusst sein, dass sich entweder ein zu schwacher Körper heranbildet, dessen Organe nicht die Leistungen erzeugen können, die ihrem Zweck entsprechen, oder aber wir erzielen eine derartige Überproduktion von Kräften, die nachher nicht verbraucht werden können. Eine Pflanze, der wir zuviel Dünger und Wasser geben, schießt in kurzer Zeit zu unnatürlicher Höhe empor und die Folge davon ist, dass der Wind sie einfach umwirft. Genau so verhält es sich bei den Tieren, also auch bei unseren Kanarien. Die Fütterung muss also den jeweiligen Bedürfnissen der Körper angepasst sein. Das Hauptnahrungsmittel unserer Kanarien ist bekanntlich der Rübsen. Über die einwandfreie Beschaffenheit des Rübsens ist hier kein Wort zu verlieren. Mit Rübsen allein können wir aber keine Vögel züchten, also auch keinen Stamm aufbauen. Der Privatmann kann, falls er sich eine einwandfreie Qualität von Rübsen beschaffen kann, seinen Liebling jahrelang gesund und munter erhalten, der Züchter aber muss noch zu anderen Futterstoffen greifen, sonst kann er einen Stamm weder aufbauen noch erhalten. In der heutigen Zeit ist es nun ungemein schwierig, diejenigen Sämereien zu beschaffen, die uns früher zur Verfügung standen. Es gibt aber auch in unserem Land eine Menge Stoffe, die – wie ich in meiner Niederschrift „Betrachtungen" bereits dargelegt hatte - herangezogen werden können. Ganz mutlos brauchen wir somit nicht zu sein. Die Aufzucht der Jungvögel bildet aber noch lange nicht den Abschluss einer Stammeszucht. Sind die Jungvögel im Flugbauer, wo sie ihren Körper weiterbilden können, so müssen wir schon ganz besonders darauf achten, die Vögel richtig zu ernähren. So wie das Studium der Junghähne beginnt, kann ein schablonenmäßiges Füttern nicht mehr stattfinden. Der Gesang der Junghähne muss von Anfang an in ruhigen Bahnen gehalten werden, somit müssen alle Stoffe, die das Temperament steigern, richtig verteilt werden. Es darf hier niemand einwerfen wollen, dass wir heute behütet sind, üppig zu füttern; denn auch die Inlandserzeugnisse sind richtig anzuwenden. Es sind schon viele Züchter, die über ein Stückchen Land verfügen, hingegangen und haben gewisse Sämereien, wie Spitzsamen, Hanf und Mohn selbst gezogen. Dann lässt sich auch Hafer in geschältem Zustand verfüttern, wie das früher schon der Fall war. Eine bescheidene Beschaffungsmöglichkeit bieten die abgeernteten Felder. Wichtig für den Aufbau des Vogelkörpers ist auch die Verabreichung von Grünzeug. Auch hier findet man draußen in der Natur das Notwendige. Einzig die Beschaffung der Eier ist leider für viele Züchter fast unmöglich. Ein Züchter, der in seiner Zucht aufgeht, bringt für seine Vögel nicht nur das Opfer, dass er auf seine Zuteilung verzichtet, sondern er bringt auch noch geldliche Opfer, um nur die nötigsten Eier zu bekommen. Aber in allen Fällen, wo die Futterbeschaffung auf große Schwierigkeiten stößt, sollte sich der Züchter von vornherein klar sein, wie groß er seine Zucht einrichten kann. Das Hauptgebot der Stunde muss aber sein, dass sich die Züchterkameraden in den Vereinen untereinander verständigen und dann durch den Austausch der Vögel, trotz der Nöte der Zeit, gemeinsam eine Stammeszucht betreiben, bei der auch die Futterbeschaffung innerhalb der Möglichkeit bleibt. Leider sind aber viele Züchterkameraden so egoistisch veranlagt, dass sie bei der Durchführung dieses Vorschlages versagen werden. So hart diese Worte klingen mögen, so wahr sind sie leider. Deshalb wird in der Jetztzeit im Allgemeinen noch keine richtige Stammeszucht betrieben werden können. Hoffen wir aber, dass uns, die wir schon zu den älteren Semestern gehören, nicht nur unsere langjährigen Erfahrungen in eine bessere Zukunft begleiten, sondern uns auch noch einmal die Freude beschieden sein wird, wieder einen Stamm aufzubauen, der uns befriedigt. Fangen wir unentwegt zunächst ganz klein an. Bedenken wir hierbei, dass der Begründer der heutigen Gesangsrichtung, Heinrich Seifert, mit zwei Hähnen einen Stamm aufgebaut hatte, der alle vorherigen Anschauungen über das Kanarienlied umwarf, um tonangebend für die ganze Kanarienwelt zu werden. Also mit frischem Mut an die Arbeit! Willi Scholl, Köln-Ossendorf, Jüssenstraße 3
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